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Petite messe solennelle

1863 hat Rossini seine Petite messe solennelle dem „lieben Gott“ gewidmet.
Mit Gesang, Tanz, Schauspiel, Slapstick und Tragikomik erforschen die Ganzkörperpoeten von Nico and the Navigators dieses Oratorium semi seria und übersetzen es in ihre eigenwillige Körpersprache; sie entführen in die Welt eines religiösen Agnostikers voller zarter Gefühle und ironisch funkelnden Humors.

 

Verdammt heilig

Musique sacrée – oder sacrée musique? Die Frage nach dem Verhältnis von Heiligem und Verdammungswürdigem hat Gioachino Rossini (1792-1868) einst selbst seiner „Petite messe solennelle“ vorangestellt. In einer Widmung an den lieben Gott entschuldigte sich der Komponist 1864 – also 34 Jahre nach seinem letzten Bühnenwerk – vorsorglich damit, dass er ja eigentlich für die Opera Buffa geboren sei: „Du weißt es wohl! Ein bisschen Können, ein bisschen Herz, das ist alles. Sei also gepriesen und gewähre mir das Paradies.“ Ein starker Satz, demütig und fordernd zugleich. Wo aber wäre dieses christliche Utopia in der Gegenwart zu suchen? Wie kann man aus der säkularen Gesellschaft des Hier und Jetzt noch dorthin gelangen? Und wie trifft man jenen Ton, den Rossini als augenzwinkernde Abgrenzung vom Charakter der Missa solemnis einst als semi seria – halb ernst, halb heiter – beschrieben hat?

 

Auf dem Weg, den Nico and the Navigators in den vergangenen Jahren einge-schlagen haben – mit Franz Schubert (Wo Du nicht bist), Georg Friedrich Händel (Anaesthesia) und Johann Sebastian Bach (Cantatatanz) – ist Rossini bereits der vierte Komponist, der den Berliner Künstlern um Nicola Hümpel und Oliver Proske musikalischen Anlass für eine poetische Recherche gibt. Neu allerdings ist diesmal die Begegnung der Navigatoren mit dem vom Dirigenten Nicholas Jenkins geleiteten Chor, den bereits Rossini auf zwölf Stimmen begrenzte – eine Parallele zur Zahl der Jünger Jesu, die der auch als Komponist von Aromen hoch begabte Gourmet mit Anspielung auf seine zweite Leidenschaft kommentierte: „12 an der Zahl sind auch die Apostel in der berühmten Fress-Szene, gemalt im Fresco von Leonardo, welches man das Letzte Abendmahl nennt; wer würde es glauben! Es gibt unter Deinen Jüngern solche, die falsche Töne anschlagen!! Lieber Gott beruhige Dich, ich behaupte, dass kein Judas bei meinem Mahle sein wird, und dass die Meinen richtig und mit Liebe Dein Lob singen werden.“

 

Wie in all ihren Arbeiten nutzen Nico and the Navigators neben musikhistorischen und biografischen Zugängen zum Werk in der Probenarbeit vor allem ihre eigenen Lebensläufe als Spielmaterial – und verhandeln ihre Herkunft aus unterschiedlichen Kulturen und Sprachen. Daraus können sich zarteste Beziehungen, aber auch absurde und groteske Konflikte entwickeln, die sich mit und in der tragenden Musik steigern und lösen. Denn neben diesem musikalischen Werk kann alles inhaltlich parallel Verlaufende schnell zuviel werden. Eingestreute Dialoge und Diskurse bleiben subtile Andeutung, die Situationen erwachsen aus der Komposition. Die sparsame Instrumen­tierung der Originalfassung für zwei Klaviere und Harmonium bietet ideale Voraussetzungen für ein Konzert der Körper, das nach der Erlösung in Fesseln fragt – also nach jener paradoxen Erfahrung, wie man sie auch in der fest gefügten und zugleich unendlich befreienden Musik Rossinis finden kann. Das Allerheiligste trifft das Allermenschlichste – musique sacrée oder sacrée musique.

 

 

Eine Produktion von „pèlerinages“ Kunstfest Weimar und NICO AND THE NAVIGATORS. In Koproduktion mit dem Grand Théâtre de Luxembourg, den Bregenzer Festspielen (Kunst aus der Zeit) den KunstFestSpielen Herrenhausen und dem Theater Erfurt. Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds, die Schering Stiftung, die Augstein Stiftung und aus Mitteln des Landes Berlin. In Kooperation mit der Opéra-Comique Paris, der Opéra de Dijon und der Radialstiftung.

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