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Neues Deutschland

Petite Messe Solennelle

Es wird eng für Gott

Gioachino Rossinis »Petite messe solennelle« mit Nico and the Navigators in der Erfurter Oper

Es ist keine Erfindung der Berliner Theatergruppe Nico and the Navigators, ein sakrales Werk zu vertanzen. John Neumeier hat das schon vor Jahrzehnten mit Bach gemacht. Und natürlich ist Verdis »Messa da Requiem« (wie in der Version von Achim Freyer an der Deutschen Oper Berlin) per se eine Steilvorlage für eine theatralische Aktion welcher Art auch immer.

Nike Wagner hat zur aktuellen Ausgabe des von ihr mit kluger Dramaturgie dem eigenen Ururgroßvater Franz Liszt gewidmeten Kunstfestes Weimar »pèlerinages« die Berliner Theatergruppe Nico and the Navigators um die auf Erfolgskurs segelnde Regisseurin Nicola Hümpel mit einer Version von Gioachino Rossinis »Petite messe solennelle« nach Thüringen geholt. Das Stück wurde mit dem Grand Théâtre Luxemburg, den Bregenzer Festspielen, Herrenhausen und der Oper Erfurt koproduziert. Dass nach der Erfurter Premiere und einer Zwischenstation im Berliner Radialsystem auch europaweit damit getourt werden soll, passt zum weltläufigen Europäer Liszt.

Mit seiner »Petite messe solennelle« hatte der genießerische Italiener Rossini (1792–1868) – vierunddreißig Jahre, nachdem er sich vom Opern-Komponieren ab-, und dem von erlesenen Speisen zugewandt hatte – seinem Lebenswerk noch eine »ernsthafte« Fußnote nachgereicht. Mit der Begrenzung auf zwei Klaviere (SooJin Anjou und David Zobel) und ein Harmonium (Jan Gerdes) sowie einem Chor in Dutzendstärke (inklusive der vier exzellenten Solisten Laura Mitchell, Ulrike Mayer, Milos Bulajic und Nikolay Borchev) kam man in Erfurt der kargen originalen musikalischen Ausstattung ziemlich nahe. Nicholas Jenkins dirigierte mitten im Geschehen. Die vier Performer/Tänzer der Hümpel-Truppe (Peter Fasching, Adrian Gillott, Patric Schott und Yui Kawaguchi) zogen dem musikalisch assoziativen Spiel narrative Leitplanken ein.

Dass es bei der Übersetzung von Kyrie, Gloria, Credo und Sanctus in Bildertheater nicht um die bloße Illustration religiöser Erbauung geht, versteht sich von selbst. Was im Untertitel einen Zacken zu ambitioniert »Glaubensbekenntnisse des 21. Jahrhunderts« genannt wird, ist freilich kein atheistischer Frontalangriff auf Glauben oder Kirche geworden. Obwohl sogar der Papst vorkommt in einem der sketchartigen, die Musiknummern verbindenden, meist amüsanten Wortgefechte zwischen einem alles hinterfragenden jungen Mann und einem alles verteidigenden Kuttenträger. Der Ältere, der sich wohl selbst als den personifizierten Glauben begreift, erscheint am Ende, ganz von weißem Licht und Wolken umflutet, in der geöffneten Himmelspforte unter dem schwungvollen Bogen, mit dem Oliver Proske die Spielfläche überwölbt hat.

So wie die Protagonisten bewegen sich hier auch die Klaviere um eine Art Empfangstheke. Aus ihren Elementen kann man eine Treppe für ein Gruppenbild zum »Amen« formieren oder sie einzeln als Wippe beim Diskutieren als zusätzliches »Argument« verwenden, was zu den ironisch dynamischen Bildern dieser Collage gehört. Ansonsten schwebt vor allem eine leise, manchmal auch grelle, ironische Skepsis gegenüber der Echtheit heutiger Bekenntnisrituale über der Szene – etwa, wenn sich die beiden höchst attraktiven Damen Laura Mitchell (Sopran) und Ulrike Meyer (Mezzo) beim Gloria ein Duell an der Rampe liefern, bei dem sie nicht nur mit Stimmeinsatz, sondern auch mit Augenaufschlag und ihren Beinen zu punkten versuchen. Oder wenn eine andere Dame mit Riesenschwinger nur von einem exzessiv ausgeweiteten Dauer-»Amen« abzubringen ist, indem man ihr mit einen paar Scheinen das Maul stopft. Wenn über das »Credo« ein allgemeines Geldzählen gelegt wird, dann weiß wohl jeder, was gemeint ist.

Irgendwann vermisst der Logiker im Stück die Unendlichkeit – in Lichtjahren bis zum Mond, zur Sonne, zur nächsten Galaxie. Ob sich Gott dort finden lässt, bleibt am Ende ebenso offen wie seine Gegenwart auf Erden. Die Musik ist dafür allemal ein geeignetes Reisegefährt. Und der Papst? Der kommt demnächst persönlich nach Erfurt. »Did you see the pope?«, wurde jetzt schon mal gefragt.

 

Roberto Becker, 06.09.2011

 

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