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Berliner Zeitung

Der Familienrat

Mischpoke im Kräutergarten

Nico and the Navigators zeigen „Der Familienrat“ in den Sophiensaelen

Der Vater schneidet am Sonntag den Braten an. Die Mutter putzt im Frühling die Fenster. Die kleine Schwester plärrt im Keller. Der große Bruder holt den wieder einmal verschossenen Ball von den Nachbarn. Die Großmutter trägt eine Schürze. Der Großvater kann Papierflieger falten. Ach, traute Familie! Aber schon Heimito von Doderer, der skeptisch auf die blanken bürgerlichen Fassaden blickende österreichische Schriftsteller, bemerkte: „Wer sich in Familie begibt, kommt darin um.“ Familie, ein Begriff, so komplex wie eine Therapiesitzung, ein Thema, so vielschichtig wie eine goldene Hochzeit – und insofern eine ideale Herausforderung für Nico and the Navigators.

Diese bemerkenswerte freie Gruppe um die Gründerin und Regisseurin Nicola Hümpel stellt nun mit der Uraufführung von „Der Familienrat“ ihre fünfte Arbeit vor. Seit der Gründung 1998 am Bauhaus Dessau haben sich die Navigatoren einen internationalen und festivalerprobten Ruf als formsichere, stilbewusste, absurd-versonnene Alltagskiebitze erworben. In einer Mischung aus Tanztheater, Slapstick, Pantomime, ergänzt mit kruden Worthülsen und kunstvollem Hintersinn, geraten bei ihnen die Dinge aus dem Normalmaß. Die Bedeutungen trudeln, bis auf nichts mehr Verlass ist. Der Wahnsinn hat hier charmant choreografierte Methode, das Chaos strahlt in disziplinierter Groteskgymnastik, die Unsinnstiraden kitzeln ungeahnte Assoziationsfelder wach: „Die Ruh im Kräutergarten war besser als jede Altersvorsorge“, heißt es, oder: „Er war zu dünn, um Verantwortung zu übernehmen.“

So nähert sich das Ensemble den für Außenstehende meist befremdlichen Spielregeln und bizarren Ritualen in der lieben Verwandtschaft. Aus den heiligen Bräuchen und den eingeschliffenen Mustern versuchen sie, die Matrix dessen zu entschlüsseln, was die Welt im Innersten zusammenhält. Ohne Angst vor Klischees, heißen Eisen und den bekannten Traumata. Familienfeiern inklusive.

 

Irene Bazinger, 02.10.2002

 

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