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Die Deutsche Bühne

Orlando

(...) Unter seinem neuen Chef, dem Alte-Musik-Spezialisten Bernhard Forck, kann das Händelfestspielorchester in Halle für seinen „Orlando“ (1733) an eine jahrelang gewachsene Händelkompetenz anknüpfen. Mit Owen Willetts als Orlando und Dmitry Egorov als Medoro stehen zudem gleich zwei exzellente Countertenöre auf der Bühne. Marie Friederike Schöder findet als Angelica zu dramatischer Verve, und auch Christoph Stegemann steuert einen grundsoliden Magier Zoroastro als Spielführer herbei. Musikalisch also war auch hier der Ertrag beachtlich. Szenisch hat „Orlando“ seine Tücken, denn auch hier hat der Liebes-Wahnsinn Methode in einem ausgeprägten Durcheinander des „Wer-liebt-wen? Und vor allem des „Wer-liebt-wen-nicht?. In der Zauberoper, die mehr eine Beziehungsoper ist, setzt Händel auf die melodiös ausschwingende Gefühlslage der Liebenden, der Enttäuschten und der bis zum Wahnsinn Verzweifelten. Orlando selbst wird nur durch ei ziemlich drastisch eingreifendes, alle Toten wiedererweckendes lieto fine aus dem Wahnsinn zurückgeholt.

Um damit klarzukommen, gehen Nicola Hümpel und ihr Berliner Theater-Team Nico and the Navigators am konsequentesten neue Wege. Sie erfinden sozusagen die Zauberoper neu, indem sie den Kern der Handlung assoziativ umspielen. Vor der halbrunden Projektionswand (Bühne: Oliver Proske) fügen sie dem singenden Personal zwei Performer hinzu, die das Geschehen pantomimisch kommentieren, dabei gelegentlich als imaginäre Ansprechpartner in den Arien agieren oder einfach nur kalauernden Schabernack treiben. Dazu kommen die frei assoziierenden Videos von Tom Hanke und die ironisch stilisierten Kostüme von Frauke Ritter. All das verpasst dem Beziehungskammerspiel eine eher heiter gezügelte Opulenz. Da muss dann auch der rasende Roland gar nicht der kampfeslustige, ritterliche Held sein. Hier ist er einfach nur der traurige kleine Prinz Orlando, der auch in ihm steckt.

 

Joachim Lange, 01.08.2010

 

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