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Petite Messe Solennelle

Rossini à la Nico - Die Petite Messe solennelle in der Opéra Comique, Paris

Seit einigen Jahren veranstaltet die Pariser Opéra Comique ihre monatlichen Vorstellungsreihen rund um ein Hauptstück und hält oft wunderbare Überraschungen brereit. So beim April-Festival, wo es ein einzigartiges, bemerkenswert intelligentes, wenngleich für einige Zuschauer wohl auch verwirrendes Stück zu entdecken gab: mit dem von der Berliner Compagnie Nico and the Navigators und ihrer Regisseurin Nicola Hümpel neu erfundenen Rossini wurde sogar das Hauptstück des Monats ("Die Stumme von Portici") übertroffen.

 

Auf Europatour nach ihrer Uraufführung beim Kunstfest Weimar im vergangenen September war diese Petite Messe für leider nur zwei Abende in Paris zu erleben. Die sehr gelungene Bühne von Oliver Proske scheint auf den ersten Blick in der Rue Favart zwar ein wenig eingeengt – aber dieser Eindruck schwindet schnell angesichts der Kohärenz des gesamten Unternehmens. Eine höchst seltsame, fassbinder’sche Figur mit Kapuzenmantel und Sonnenbrille und eine zweite namens Benedikt (siehe da!...) symbolisieren in dieser inszenierten Fassung des Werks die Begegnung zwischen Glaube und Vernunft. So erlaubt sich Nicola Hümpel, der Partitur einige Dialoge hinzuzufügen, die, so harmlos sie sind, doch nie bloßem Gerede verfallen (abwechselnd auf Deutsch und Englisch, mit einigen Einwürfen auf Französisch).

 

Man kann nicht gerade behaupten, dass sich Hümpels Sichtweise in den Dienst kirchlicher Rituale stellt (das Geheimnis der Eucharistie wird eher spöttisch beäugt), aber ebenso wenig geht es ihr um das Vergnügen, „den guten Bürger zu schockieren“. Bis in die Fingerspitzen ist die Regisseurin mit ihrem Neuen Testament vertraut und lässt sich in der Annäherung an Rossinis Werk immer wieder davon inspirieren. Daraus erwächst ein erstaunlich fließender, schwer in Worte zu fassender Abend. Erwähnt seien nur diese zwei halbrunden Bühnenelemente, die auf skurrile Weise erst Jesus’ Gang übers Wasser und anschließend - aufgerichtet und aneinandergestellt - die Durchquerung der engen Pforte andeuten, ein Bild, das sich frech auch als Sicherheitskontrolle unterm Metalldetektor lesen lässt.

 

Am Ende des Abends, wenn das Agnus Dei erklingt, findet man alle Sänger-Schauspieler liegend auf der Bühne wieder, die Augen gen Himmel gerichtet, die Arme erst weit und flehend ausgebreitet, dann rachsüchtig zur Faust geballt: dieses Bild spiegelt wunderbar den Geist dieser Petite Messe solennelle zwischen Glaube und Skepsis, Spiritualität und Materialismus.

 

Den vier Darstellern und Tänzern, stehen die zwölf Sänger (darunter die Solisten Laura Mitchell, Ulrike Mayer, Milos Bulajic und Nikolay Borchev) auf musikalischem Niveau in nichts nach. Wer will, dem mag zwar das ein oder andere Detail auffallen, aber viel wichtiger ist doch hervorzuheben, wie sehr sich alle Beteiligten in Hümpels Vorhaben integrieren - so auch die großartigen Pianisten David Zobel, SooJin Anjou (Flügel) und Jan Gerdes (Harmonium) oder der Dirigent Nicholas Jenkins, allesamt Protagonisten eines feinsinnig arrangierten Stückes.

 

 

Alain Cochard, 24.04.2012

 

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