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Chaconne

Gesehen: Yui Kawaguchi und Aki Takase im E-Werk

Aus dem Dunklen beginnt es zu leuchten, tastend, anfänglich scheue Klänge. Bachs Chaconne noch ganz nah, die weichen singenden Linien. Die begleitende Kontrapunktik schmeckt das Freie vor. Aki Takase, ganz in rot öffnet den Raum. Kawaguchi in analogem pianissimo der Bewegung antwortet gegenüber, in schwarz. Das gemeinsame Spiel beginnt. Hier schwingen die Saiten im Körper des Flügels, dort klingt die Tänzerin im Raum. Die Beziehung überwindet den Raum mühelos, als wären da zwei Extremitäten eines Körpers sicht- und hörbar. Oratorische Konzentration im E-Werk. Die Musik führt, sichtbar. Yui Kawaguchi ist der Musik ausgeliefert, hingegeben. Ihr gelingt es sich tanzen zu lassen, in synaptischer Echtzeit zu Akis Spiel kann sie einzelne Felder ihres Körpers so tanzen, als wären diese autonom, vom Fuß übers Knie zum Auge, in die elektrifizierten Fingerspitzen. Ihr Tanz sprüht hell. Tanzt sie die Musik, oder tanzt die Musik die Tänzerin? Schnell klärt die Schönheit des Entstehenden, dass die Frage nicht beantwortet werden muss, um diese Intensität leuchten zu lassen.

Takase spielt einen weit atmenden, organisch wie aus sich selbst wachsenden Spannungsbogen, zieht sanft an und hält den konzentrierten Tonus den ganzen Abend. Diese Grundspannung trägt über heißeste clusterklippen und lässt sich auch von externen Irritationen nicht aus der Fassung bringen, etwa, wenn Yui kurz eine spielerische Schlinge anlegt, oder aus dem unsichtbaren neckt. Mit dem Auftauchen der flirrenden, fließenden Lichtreflexe aus den transparenten Skulpturen Kazue Taguchis, die ein bewegtes allover über den Raum legen vervollständigt sich ein medialer Dreiklang. Kawaguchis Tanz erobert und konfiguriert den Raum neu, schneidet die Ebenen, bündelt die Energie, da ist sie, die Stadt im Klavier. Im imaginären Nachvollzug der Bewegung entsteht die Karte. Nach gelungener Kontaktaufnahme zur Meisterin der Klänge beginnt sie zu zeichnen. Aus dünnen hellen Fadenlinien entsteht ein weites Netz, spinnt den Bühnenraum lose ein, ein deutbarer Aufriss einer phantastischen Stadt. Sie nimmt dessen Anfang zärtlich aus dem geöffneten Flügel und erweitert das Spannungsgefüge um ein drittes Schwingen. In explosiven Mikrofiguren blitzt das Temperament der Spielerinnen, hier im Feurigen treffen sie sich. Takases heiße Gewitter, irrlichternde Läufe und Yuis Rasanz sind verwandt in ihrer Präzision. Die lässt die Schönheit der gemeinsam geschaffenen dritten, immer einzigartigen Qualität der Improvisation blühen. Die Hitze entlud sich nochmal mit Humor in einer leichtfüßig komischen Zugabe, die silberne Blüten aus dem Flügelinnern wachsen ließ. Gebannt und verzaubert von einem kurzen Traum von Kommunikation begann der Applaus sich zaghaft nur zu erheben.

Alexander Attia, 26.10.2011

 

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