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Rheinische Post, Feuilleton

Der Familienrat

Man ahnt mehr, als man weiß und denkt

Es ist häufig schwer, mit bloßen Worten einem Stück gerecht zu werden, das für die Bühne konzipiert ist; das also gesehen und gehört werden will. Es ist allerdings noch schwerer, über ein Stück zu schreiben, wenn die Absicht des Geschehens darin besteht, etwas darzustellen, was jenseits der sprachlichen Vermittelbarkeit liegt. Und das ist vielleicht schon die wichtigste Aussage, die man zu dem neuen Stück der Berliner Gruppe „Nico and the Navigators“ machen kann: man muss es sehen.

„Der Familienrat“ ist die vierte Produktion, die Regisseurin Nicola Hümpel und ihre Navigatoren im FFT Juta zeigen. Angeregt durch den skandinavischen Dogma-Film „Das Fest“ beschäftigt sich die Gruppe in ihrem neuen Stück mit den komplexen Rollen und Ritualen innerhalb der Familie. Es geht um Spielregeln und Verhaltensmuster, die das System Familie aufrechterhalten: Sie reichen vom Putzwahn bis zum sexuellen Missbrauch, vom Verliebtsein bis zur Außenseiterrolle.

Auf der Bühne des Wilhelm-Marx-Hauses wird nichts von dem tatsächlich gespielt. Sondern die Verhaltensrituale und Vorgänge im alltäglichen Miteinander werden in eine spezifische Theatersprache übersetzt. Dem Zuschauer wird nichts Greifbares geboten, es gibt auch keinen Handlungsstrang, den man verfolgen könnte. Die Betonung im Stück liegt auf jedem einzelnen Moment. Und aus jedem Moment entstehen Bilder, Assoziationen. Der Zuschauer ahnt und fühlt mehr, als dass er weiß und denkt. Erst die Komposition aller Momente führt zu einer Erkenntnis, nämlich, etwas Besonderes erlebt zu haben.

„Er weiß was er wollen sollte, er will aber gar nicht“; „er war zu dünn, um Verantwortung zu tragen“; „manchmal fühlten sie sich sprachlos wohl“ – immer mal wieder hallen solche Aussagen der Schauspieler durch den Theaterraum. Sie bilden das Gerüst für das sonst überwiegende Spiel aus Mimik, Gestik und Bewegung, unterstützt von unterschiedlichen Rhythmen, gelben Bechern, Brötchen und einem Bühnenbild besonderer Art, das sich verwandeln kann.

Denn aus einer unscheinbaren roten Wand werden plötzlich Treppen, versteckte Zimmer und Garagentüren. Das ist das Werk von Oliver Proske, der gemeinsam mit Nicola Hümpel die Stücke der Navigators konzipiert. Er unterstützt und unterstreicht immer wieder mit seinen ungewöhnlichen Konzeptionen das Bühnengeschehen.

Und wenn der roten Wand alle Geheimnisse entlockt sind, schließt der Familienrat. Im Hintergrund blöken Schafe „Stille Nacht, heilige Nacht“, und auf den Außenseiter der Herde rieselt leise der Brötchen-Schnee.

Britta Willeke, 07.12.2002

 

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