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TAZ

Eggs on Earth

Walzer mit der Pfeffermühle: Nicola Hümpel lässt „Nico and the Navigators“ die Modernisierungsverlierer tanzen

Schmale Jungs mit breiten Krawatten oder übergroßen Hemdkragen. Sie machen merkwürdige Verrenkungen, manchmal tanzartige Bewegungen und stellen Fragen wie: „Ist es zu spät, um früh anzufangen?“ Die jungen Männer und auch die Frauen, die bald dazukommen, sind traurige Gestalten. Trotzdem sehen sie alle sehr modisch aus. Verbreiten eine ähnlich hippe Atmosphäre wie Leute in Werbefilmen für Internetdienste und Telekommunikation.

Die Blautöne der Klamotten sind sorgfältig aufeinander abgestimmt. Auch die schräg komponierten Rottöne eines spießigen Damenkostüms gehorchen der modischen Trash-Ästhetik, die bekanntlich die Kollektionen von Gucci und Prada bestimmt. Aber so müssen Leute heutzutage eben aussehen, um nicht als Modernisierungsverlierer zu gelten. Und darum geht es in „Eggs on Earth“, dem neuen Stück von „Nico and the Navigators“, das seit Anfang Juni in den Sophiensaelen zu sehen ist.

„Was bedeutet es, im angehenden 21. Jahrhundert einen Arbeitsplatz zu bekommen oder zu verlieren?“, fragt einer gleich zu Beginn. Und dann sehen wir in den nächsten eineinhalb Stunden, was das bedeuten kann: nämlich dass sich sieben ziemlich attraktive junge Menschen in recht absurden Gesten abstrampeln, immer am Rand des Abgrunds. Oder am Fuß der Karriereleiter. Mal trägt einer einen Z-förmigen Stuhl über die Bühne, um ihn irgendwo aufzupflanzen, sich draufzusetzen und ins Leere zu starren. Mal wird ein roter Koffer durch die Gegend getragen. Ein Mann greift einer Frau an die Brust, die das stoisch über sich ergehen lässt. Später geht sie dafür einem Mann an die Hose.

Pardon wird nicht gegeben. Ein Mann tanzt einen Walzer mit einer Pfeffermühle. Ein Paar trögt aufgeklappt den „Neuen Weltatlas“ auf den Köpfen, als sei es eine Trachtenhaube: ein hübsches Bild für die Globalisierung. Alles fast ohne Worte, dafür mit viel Musik, die eine Bandbreite von Chopin bis zu den Beatles, maria Callas und Janis Joplin hat.

Manchmal allerdings hört man bloß die Geräusche heißlaufender Motoren völlig antiquierter Hausgeräte. Nicola Hümpel hat ihre Truppe vor vier Jahren am Bauhaus in Dessau gegründet. Seitdem hat sie sich mit ein paar sehr bilderstarken Stücken in die erste Liga der freien Gruppen gespielt. Anfang des Jahres war in Berlin ihr Stück „Lucky days, Fremder“ zu sehen. Auch da wurden die verschiedensten Ausdrucksformen zu einer sehr konzentrierten Aufführung gesampelt: Elemente aus Video, Tanz, Performance, Musik und Theater.

Das neue Stück nun geht sparsamer mit all den Versatzstücken um. Variationen über das Thema „Modern Times 2000“, die ihre körpersprachliche Verwandtschaft mit den Antihelden des Modernisierungsschubes der 20er- und 30er-Jahre, mit Buster Keaton und Charlie Chaplin, deutlich spüren lassen.

Oliver Proske hat einen kühlgestylten würfelförmigen Container gebaut, der von allen Seiten dreh- und begehbar ist. Am Anfang öffnet er sich, und man sieht Beine vorbeigehen. Später taumelt einer oben auf dem Dach, und man weiß nicht: überlgt er, ob er fliegen kann, oder will er sich einfach bloß herunterstürzen.

„Ich will nach oben!“, hat schließlich jemand irgendwann gesagt. Und wer oben ist, der fällt schneller wieder runter, als ihm lieb ist.

 

Esther Slevogt, 07.06.2000

 

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