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Tagesspiegel

Niemand stirbt in der Mitte seines Lebens

Erfrischend, so ein bisschen Tod

Happy End: Das Ensemble Nico and the Navigators widmet sich im Konzerthaus einem todernsten Thema

Ein früher Sommer hat die Stadt fest im Griff. Warm, zu warm für diese Jahreszeit ist es am Mittwoch, und sonnig. Dennoch lädt das Ensemble Nico and the Navigators zu einem Abend über ein Thema, das eher zu regnerischen Novemberabenden passt: der Tod. Der Titel dieses szenischen Konzerts: „Niemand stirbt in der Mitte seines Lebens“. Eine Sprecherin (Annedore Kleist), eine Tänzerin und ein Tänzer gestalten den szenischen Teil, für die Musik ist ein Ensemble aus Geige, Kontrabass, Piano und Schlagzeug zuständig, abgerundet von den Sängern Ted Schmitz und Nikolay Borchev sowie der Sopranistin Julia von Landsberg.

Komik, Trauer, Wut, Melodramatik

Obwohl – das zeigt der Abend – eine solche trennende Einteilung eigentlich überflüssig ist. Die Elemente stehen nicht für sich, Musik, Tanz und Theater bilden ein harmonisches Ganzes. Die Navigators interpretieren das vermeintlich düstere Thema überraschend frisch und unbekümmert. Nicht alles ist schwer und traurig, vielmehr werden alle Facetten des Todes dargestellt: Komik, Trauer, Wut oder auch Melodramatik. Das wird möglich durch eine überaus breit aufgestellte Musikauswahl, die vier Jahrhunderte überspannt. Von John Dowland über Franz Schubert bis zu Hank Williams und Leonard Cohen sind vielfältige musikalische und textliche Beschäftigungen mit dem Tod zu hören. Das Besondere dabei ist, wie diese ja oft altbekannten Stücke interpretiert werden. Leonard Cohens traurig-schönes „Dance Me to the End of Love“ wird hier mit komischen, fast schon parodistischen Tänzen konterkariert. Interessanterweise verstärkt das die Stimmung des Songs.

Beeindruckend ist aber auch, wie der für die musikalische Leitung und die Tasteninstrumente verantwortliche Matan Porat mit seiner Handvoll Mitmusiker Gustav Holsts „Mars“ interpretiert, ohne die Wucht des Originals zu verlieren, ja sie sogar noch verstärkt. Besonders Schlagzeuger Philipp Kullen beleuchtet mit einem großen Arsenal an Percussion-Instrumenten von Bongo bis Marimba immer wieder neue, überraschende Aspekte der Musik. Das Konzert endet, wie es begonnen hat, mit dem „Abendlied“ von Johann Abraham Peter Schulz und dem berühmten Text von Matthias Claudius. Ruhig und bedächtig wird man in die Nacht entlassen, erfrischt von diesem so lebensbejahenden Todestanz.

Elias Pietsch, 27.04.2019

 

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