-->


Deutschlandfunk Musikjournal

Force & Freedom

Force & Freedom – Beethoven-Filmprojekt von Nico and the Navigators

Genau jetzt, zu dieser Stunde wird erstmals ein Film online gestellt, rund um den großen Jubilar dieses Jahres, Ludwig van Beethoven. „Force & Freedom“ – Beethoven zwischen Zwang und Freiheit, so lautet der Titel. Und es geht um Erfahrungen von damals und im Hier und Heute.

Die Uraufführung war für die Schwetzinger Festspiele 2020 geplant, musste aber abgesagt werden. Zwang und Freiheit wurden so zur unmittelbaren Erfahrung für alle Beteiligten.

Matthias Nöther hat heute Nachmittag schon Gelegenheit gehabt in den Film reinzuschauen. Jetzt ist er mir zugeschaltet. Guten Abend Herr Nöther!

Matthias Nöther: Guten Abend, Herr Vratz. 

Christoph Vratz: Ja, war das jetzt, nachdem der eigentliche Geburts- und Tauftag Beethovens ja verstrichen ist, nochmal eine echte Sternstunde? Dieser Film in dem im Grunde ja wirklich nicht reibungslosen Beethoven-Jahr.

MN: Ja, das Beethoven-Jahr war ja deswegen nicht reibungslos, weil wir die Corona-Pandemie hatten. Mit Beethoven selbst hatte das ja weniger zu tun. Dieser Zustand beschäftigt die ganze Gesellschaft und es wäre schon komisch, wenn man annehmen würde, dass das ein aktuell arbeitendes Theaterkollektiv wie Nico and the Navigators, nicht beschäftigen würde. Zumal dieses Motto „Zwischen Zwang und Freiheit“ – der Titel der Produktion – durchaus auch auf Corona anzuwenden ist und nicht nur auf Beethoven. Also Zwänge haben wir wirklich alle genug gehabt dieses Jahr. Und einige meinen sie hätten dadurch auch neue Freiheiten gewonnen; längst nicht alle natürlich. Also: Gab es diesen Bezug zu Corona ist die Frage? Das muss man klar bejahen. Es gab diesen Bezug in dieser neuen Filmproduktion von Nico and the Navigators und das kann man ganz gut nachvollziehen, an einem von drei Liedern, die in diesem sonst von Streichquartettklängen bestimmten Abend, auch gespielt wurden. Das Lied heißt „Resignation“ von Beethoven, ist aus dem Jahr 1814 und da können wir mal kurz reinhören. Da singt der Tenor Ted Schmitz.

-       Ted Schmitz – „Resignation“

MN: Ja, man muss hier vorausschicken, dass es bei diesem auch von Darstellern getragenen Abend eine Vorrede von diesem Tenor gibt zu diesem Lied, wo er sehr provokant fragt, es gäbe doch so viele Wege sich zu verströmen. Wie diese Flamme, von der im Lied die Rede ist. Heutzutage gäbe es da digitale Wege.  Also wenn die Flamme an einem Ort keinen Sauerstoff mehr hat, dann kann sie sich ja verströmen und in andere Richtungen gehen. Und so könnte der digitale Nomade von heute doch auch – so sagt er ganz arrogant - überall hingehen und überall sein Licht brennen lassen. Und da muss man ganz klar sagen, und das wird dadurch, dass es ein bisschen negativ aufgeladen wird und Widerspruch hervorruft, diese Rede des Tenors, da muss man sagen, das gilt ja nicht für alle Menschen. Viele haben ja auch das Bedürfnis Leute von Angesicht zu Angesicht zu treffen, menschliche Berührungen zu spüren. Und dieser arrogante Gestus ist natürlich auch der Gestus eines Beethoven gewesen, der meinte er hätte das alles nicht nötig. Und dem tritt doch Nico and the Navigators sehr entgegen. Und das ist z.B. ein Augenblick, wo Corona als gesellschaftlicher Missstand oder Zustand sehr präsent ist und trotzdem diese Beziehung zu Beethoven aufgebaut wird.

HF: Nun ist auch das Kuss Quartett involviert und spielt – überwiegend – sagen wir mal, Werke aus der Spätphase Beethovens. Das sind ja doch relativ sperrige Stücke, die vielen Hörern auch immer wieder Rätsel aufgegeben haben und es auch immer noch tun. Die haben ja mit dem Beethoven der mittleren oder frühen Phase wenig zu tun oder nur bedingt. Wie ist dieses Programm des Films gestaltet? Ist diese Spätphase isoliert, eine abgeschnittene Episode oder ist das doch irgendwie mit direktem Bezug als erwachsen aus der mittleren Phase sichtbar?

MN: Es ist tatsächlich so, dass auch ein Rasumowsky-Quartett – ein Satz daraus - gespielt wird. Also dieses ganz symphonische Große, was im Spätwerk dann ja nicht mehr da ist. Aber man muss auch sagen, dass die Spätwerke ja durchaus auch leichte Züge haben. Es ist nicht alles immer schwer und kompliziert. Zumindest klingt nicht immer alles kompliziert. Auch in dieser Spätphase geht es noch um diese klassizistischen Gegensätze, die Beethoven einfach nur sehr fein und unendlich ausdifferenziert hat. Und das nutzt jetzt dieses Theaterkollektiv, um das sichtbar zu machen, szenisch auch sichtbar zu machen und da teilweise dem Hörer auch einfach gar keine großen Botschaften zu vermitteln, sondern einfach das Hören mit szenischen Mitteln sichtbar zu machen. Diese Tänzerin, die immer bei Nico dabei ist, Yui Kawaguchi, die doch sehr viel diesen Zwang und diesen Freiheits-Gegensatz in den Stücken sichtbar macht, durch ganz ganz starke, kräftige Armbewegungen, und ganz weiche Bewegungen der Arme. Der Arm, die Hand, als Symbol dafür, alles fest im Griff zu haben. Ein anderes szenisches Mittel, was omnipräsent ist, ist die Wippe, also eine blaue Wippe, die in der ansonsten schwarzen Bühnenlandschaft steht. Diese Wippe als Gegensatz zwischen Zwang und Freiheit, das gibt teilweise unglaublich starke Bilder, wenn dann ein Metronom auf dieser Wippe aufgestellt wird, ein Instrument, das auch Zwang in der Musik ausdrückt, aber dann auch zur Freiheit befähigen soll. Dieses Metronom fällt dann, wenn diese Wippe irgendwann wippt, herunter. Das ist natürlich ein ganz vielschichtiges  und vielseitig zu deutendes Bild, aber immer auf Beethoven bezogen und das ist schon stark! Teilweise wirklich große Botschaften an diesem Abend, aber teilweise auch, dass man dem Hörer etwas zum Sehen als Hilfsmittel an die Hand gibt.

HF: Zum Schluss die Frage: an wen richtet sich denn dieser Film, an Beethoven-Kenner oder ist das etwas für jedermann, der diese Vorgeschichte, so wie sie sie gerade beschrieben haben, gar nicht kennt.

MN: Also, man muss eigentlich nicht mehr sein als affin zu klassischer Musik, mit dem Gesten-Kanon so ein bisschen vertraut sein und vielleicht sollte man auch eine gewissen Affinität zu Musik-Theater und Theater haben. Das ist ja das wo Nico and the Navigators herkommen. Sie gehen schon sehr lange mit solchen Staged Concerts um, also solche Konzerte, die auf die Bühne gekommen sind und kein Musiktheater sind und haben da auch eine Menge Erfahrung. Man muss also keine großen Codes entschlüsseln können, wie ich das hier angerissen habe, das muss man nicht. Man muss aber schon, oder man sollte bereit sein, einen ganz stringenten dramaturgischen Gedanken, wie er hier gezeigt wird, mit einer konsequenten Ausformulierung von Zwang und Freiheit, etwas abgewinnen können.

Matthias Nöther, 21.12.2020

 

© 2011-2018 Nico and the Navigators