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Berliner Zeitung

Eggs on Earth

Sie ist oben, aber worauf?

Nico and the Navigators spielen „Eggs on Earth“ in den Sophiensaelen

Die blaue Welt ist eingerichtet. Praktisch wie eine Einbauküche. Alles in ihr ist gerade, funktionell, kompatibel. Alles Überflüssige ist weggetrocknet. Fast alles.

Sieben Menschen sind übrig. Wen man nicht genau hinsieht, scheinen auch sie sich eingefügt zu haben. Sie leben im Büro. Ihr Heim ist ein Behälter. Durch Klappen, Schübe, Luken gibt er sie von sich und verleibt sie sich wieder ein. Ein Kommen und Gehen, aber keine Begegnung. Die Menschen passen nicht aneinander, aber sie sind weich und merken es nicht sofort. Eine Stuhlkante rastet da viel zufrieden stellender in die Fuge: Schnack. Hält. Von Menschen ist schon das zu viel verlangt – kein Wunder, der Prototyp aus Lehm war Sein erster Versuch. Und wir haben die Mühe.

Das spielen sie. Sieben gut gekleidete Menschen in ihren fitten Jahren, die ihre ganze Kraft einsetzen, um zu flutschen. Aneckungen stecken sie weg, Affekte schlucken sie runter. Erfolg ist ihr Leben, und so schmeckt es dann auch. Die Figuren kreiseln im Absurden, sie haben ihr Zentrum verloren. Immerhin sieht man ihren Blicken an, dass sie sich darüber noch wundern können. Sie suchen kippelnd ihr Gleichgewicht: „So ist es im Grunde ganz gut. Jetzt wird’s besser. Aha, jetzt verlier ich’s gerade.“ Platsch. Eier auf der Erde. Ein sanftes Verzagen in Zeitlupe. Sich aufgeben ist ihre Aufgabe. Sie suchen, bis sie sich abfinden lassen. Es läuft, aber es läuft schief. „Ist es zu spät, um früh anzufangen?“, überlegt einer so lange, bis er im Phlegma versinkt – mit jedem Augenblick ist es noch mehr zu spät. Eine andere hat die Karriere hinter sich, sie ist oben, nur weiß sie nicht, worauf.

Viele solche Arien singen der Vergeblichkeit ein Lied: Füße wollen nicht glänzen, so sehr man sie poliert. Haare werden dermaßen gebürstet, als könnte man damit das Hirn gleich mit frisieren. Liebe heißt „fruchtbare Zusammenarbeit“ und in luftiger Spitzenposition ist man erst mit und dann auch von seinen Problemen allein gelassen.

Dass man den Entäußerten ohne Schadenfreude und gerne zusieht, ist das Wunder dieses Abends. Die Regisseurin Nicola Hümpel versteht sich aufs Vertrauen. Sie baut auf die Begabungen ihrer Spieler, denn so etwas lässt sich nicht vorschreiben. Was in der Welt nie klappen will, gelingt ihr, alles fügt sich und passt zusammen – Bühne, Spiel, Musik, Licht. Nico and the Navigators sind ein Haufen Kon-Genies. Ein glücklicher Abend über das Unglück.

 

Ulrich Seidler, 05.06.2000

 

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