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Abendzeitung

Kain, Wenn & Aber

Übermut tut ziemlich gut

Die Berliner Nico and the Navigators in Nürnberg gefeiert

 

Der Besucher der Nürnberger Tafelhalle, der im bunt schimmernden Monatsprogramm das richtige Leuchtpünktchen erwischt hat, ist in eine philosophische Warteschleife geraten – und fühlt sich wohl dort: Nico and the Navigators, vor neun Jahren entstandene und im kulturellen Treibhaus-Effekt der Trend-Hauptstadt Berlin aufgeblühte Theatergruppe ohne Spartenzwang, lockte mit “Kain, Wenn & Aber” in eine szenische Übermutprobe. Bestandteil ihrer spöttisch “Menschenbilder” genannten Serie, die gepinselt wie gekleckst herzerfrischend unberechenbar geblieben ist. Neulich beim Figurentheater-Festival in Erlangen mit “HELden und KleinMUT” war es flau, jetzt beim Nürnberg-Abstecher mit der Frage nach privater Entscheidungshoheit hinreißend.

Wie ist das eigentlich mit dem Zusammenhang von Stimme und Bestimmung? Kann man beschließen, sich nicht zu erinnern? Und hat da jemand auf dem Baum gesessen oder nur Chips gefressen? Verhaltensforsch werden sieben Personen in verrückte Stellungsspiele geschickt, mit Standardsituationen gefoult und zu Reaktionen herausgefordert. Das geht über biegsame Blickkontakte, stampfende Tanz-Einlagen, stotternde Körpersprache oder einen kalten Guss Wortschwall. Die Paarungs-Konversation fährt im höhnenden Singspiel glockenrein auf Grund, die Schimpf-Attacke aus Volksempfindens-Analyse und aktueller Nachrichtenlage ist so was wie mit Kurt Krömer nachgewürzter Jung-Handke. Man bläst Sprüchlein auf und lässt sie platzen, und wenn zur Sternkreis-Show die Widder tanzen, ist Desorientierung als Lebensentwurf ganz nah.

Eine geistreich abgesteckte Performance-Strecke der Irritationen mit gelegentlichem Seitenschritt ins Varieté. Sogar dann noch – wo sonst bietet fertiges Theater eine Szenen-Zugabe – außerordentlich. Langer Beifall, der “Navigators” – Chefin Nicola Hümpel auf die Bühne lockte.

 

Dieter Stoll, 03.12.2007

 

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