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Voralberger Nachrichten

Petite Messe Solennelle

Ganzkörperpoesie, die exzellent klingt

Es war nicht überraschend, dass die Theatertruppe Nico and the Navigators wieder im Rahmen der Bregenzer Festspiele zu erleben ist, das Ensemble um Nicola Hümpel zählt nämlich zum Besten, was die deutsche Musiktheaterszene - die innovative, versteht sich - zu bieten hat. Spannend war die Tatsache, dass der stets auf Neues setzende Intendant David Pountney und seine "Kunst aus der Zeit"-Leiterin Laura Berman heuer mit einer alten Rossini Messe daherkamen.

 

Die Erwartungen bezüglich einer nicht nur neuen, sondern auch überraschenden Gewandung hatten sich gestern Abend auf der sehr gut besetzten Werkstattbühne beim Festspielhaus jedoch erfüllt. Und insofern ist es auch nicht tragisch, dass die "Petite Messe solennelle" schon an einigen Orten zu sehen war, bevor sie - als österreichische Erstaufführung – auf der Werkstattbüne beim Festspielhaus im Zentrum eines heuer gestrafften KAZ Programms landete.

 

Frisch mutet ohnehin alles an, was Nicola Hümpel (Regie), Nicholas Jenkins (Musik) und Oliver Proske (Ausstattung) angehen. Als Gruppe, die zwar nicht auf das Clowneske, aber stets auf einen tiefgründigen und manchmal auch abgrundtiefen Humor setzt, um Sakralwerke einen Bogen zu machen, gilt hier nicht.

 

Augenzwinkernd bebildert

 

Von Ehrfurcht gehemmt war ja auch Gioachino Rossini nicht, als er Jahre, nachdem er das Komponieren schon ad acta gelegt hatte und sich mehr dem Kochen widmete, der Bitte eines Grafenpaares nach einer Messe nachkam. Dass das 1864 uraufgeführte, gar nicht so kleine, außergewöhnlich instrumentierte Werk den Schöpfer vieler unterhaltsamer Opern nicht leugnet, rechtfertigt auch jene augenzwinkernd bebilderte Auseinandersetzung, zu der sich die Navigators vor einigen Monaten entschlossen hatten.

 

Dürfen Glaubensfragen zum Klang einer traditionell nach der Liturgie gegliederten Messe gestellt werden? Die Antwort lautet Ja, und zwar ohne Einschränkung. Nicola Hümpel begeht ja nicht den Fehler, sich damit in Katholizismuskritik zu versteigen. Die Figur eines Wissenschaftlers wird eingeführt und der eines Paters gegenubergestellt. Statt eines textreichen Diskurses gibt es einige, die Messe ergänzende Textfetzen und vor allem Körpertheater, das derart poesievoll daherkommt, dass man sich spontan der Meinung anschließt, dass gescheite Fragen gar keiner Antwort bedurfen. Wer sich auf diesen tänzerisch ungemein spannend angetriebenen Mechanismus einlässt, der erlebt das Erwachen der Sinne, das diese Truppe aufzeigt, mit. Eine Chorchoreografie wächst hier zum großen Theater heran, das sich nicht zum szenischen Oratorium aufbauscht, sondern viele kleine, aber bedeutende Einzelmomente enthält.

 

Optisch und akustisch reizvoll

Und wenn sich dann auch ein Podium in einzelne Elemente aufgliedern lässt, die wiederum eine schaukelnde Grundlage für die Schauspieler bilden, erleben wir nicht die platte Verbildlichung von These und Antithese, sondern die reizvollste Szene, die eine Messe wohl je zu bieten hatte. Mit einem grandios skizzierten Fragezeichen am Schluss.

 

Hinter den Sängern und Musikern (an den Flügeln und am Harmonium) braucht freilich keines zu stehen. Sopranistin Laura Mitchell steht an der Spitze eines Ausnahme-Ensembles, das diesen Rossini intus hat und fur die im wahrsten Sinne des Wortes unbeschwerte Wiedergabe mit stürmischem Applaus bedacht wurde.

Christa Dietrich, 26.7.2012

 

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