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NDR Kultur

SILENT SONGS into the wild

Sommerliche Muiktage Hitzacker: Gelungener Auftakt trotz Regens

Im Mittelpunkt der Sommerlichen Musiktage Hitzacker steht in diesem Jahr Komponist Franz Schubert. Schon am Auftaktwochenende zeigten die Musikerinnen und Musiker, wie vielseitig Schubert interpretiert werden kann.

Die Sopranistin Sophie Klußmann singt Franz Schuberts "Der Wegweiser", begleitet von einer E-Gitarre. Das Lied erzählt von der Schwermut eines Wanderers, der die Einsamkeit sucht. Eine Handvoll anderer Menschen in Alltagskleidern, in gedeckten Blau- und Grautönen, steht der Sopranistin bei, gibt ihr Nähe und Wärme. Eine Frau neben ihr streckt den Arm aus und zeigt die Richtung an. Der Weg führt in die Ferne. Der bange Blick ins Ungewisse ist auf der Bühne zu sehen und zeitgleich auch vergrößert, auf einem Videoscreen, der das Bühnengeschehen live abbildet - eins von vielen starken Bildern im Eröffnungskonzert der Sommerlichen Musiktage Hitzacker am Samstagnachmittag.

Verbindung verschiedener Künste mit "Nico and the Navigators"


Die aufgeführte Schubert-Annäherung stammt von der Gruppe "Nico and the Navigators" aus Berlin. Sie verzahnt Musik, Tanztheater, Pantomime und Videokunst zu einer eindringlichen Performance und spürt den emotionalen Botschaften von Schuberts Musik nach. Für die Regisseurin Nicola Hümpel ist klar, dass es um Menschlichkeit geht. "Um die Zuneigung von Mensch zu Mensch und die Suche nach Geborgenheit, das Leitthema von Schuberts Leben", sagt Hümpel. "Und die Suche nach einer Heimat, die Suche nach einem Ort, an dem ich bleiben möchte, das kann manchmal auch ein Mensch sein, eine Freundschaft, an die ich mich emotional anhaften kann." Diese Suche nach Heimat verbindet die persönliche mit der politischen Dimension. Eine junge syrische Tänzerin aus dem Ensemble ist selbst in einem Schlauchboot über das Meer geflohen.

Musiktage Hitzacker unter dem Motto "Schubert.JETZT!"


Der anrührende und bewegende, manchmal aber auch sehr witzige Musiktheater-Auftakt führte direkt zur Kernidee des Festivals. "Schubert.JETZT!" - so hat Intendant Oliver Wille die Sommerlichen Musiktage 2021 betitelt. Das "Jetzt" sei eine Aufforderung an die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler, Schubert mit einem eigenen Bezug zu verbinden, sagt Wille: "Also, was sie bewegt, ein neues Programm, eine aktuelle Sicht auf die Welt auf unsere Gesellschaft musikalisch ausgedrückt. Genauso färbt sich dieses Festival."

Der Geiger Christian Tetzlaff und der Pianist Lars Vogt erfüllten diesen Wunsch ein paar Stunden später am Samstag Abend mit außergewöhnlich dichten Interpretationen, in denen spürbar ein Bekenntnis zum Moment mitschwang, zum Leben, mit all seinen Aufschwüngen und Glücksgefühlen, aber auch mit seinen Härten und schwarzen Abgründen. Diese Kontraste loteten die beiden befreundeten Spitzenkünstler mit Musik von Franz Schubert, György Kurtág und Dmitri Schostakowitsch aus.

Regenschauer fügen sich dramaturgisch ein


Beim Open-Air-Konzert des Avin Trio im Kurgarten am Sonntagnachmittag trafen Schubert und Brahms auf eine Uraufführung der Komponistin Aigerim Seilova. Ein kräftiger Schauer trieb das Publikum zwischendrin unter ein Sonnensegel und überprasselte die Musik lautstark. Aber das störte das junge Trio kaum.

Dramaturgisch passte die Nässe perfekt als Übergang. Denn das anschließende Konzert des Trio Gaspard, die gemeinsam mit der Bratschistin Karolina Errera und Alexander Edelmann am Kontrabass spielten, tauchte gedanklich in ein helles Bächlein ein und rückte das Forellenquintett von Franz Schubert ins Zentrum. Das erweiterte Gaspard Trio verknüpfte die fünf Sätze von Schuberts Forellenquintett mit zeitgenössischen Stücken von Georg Friedrich Haas, Eliott Carter und Wolfgang Rihm. Ein weiteres Beispiel für die spannende Begegnung von Schubert mit der Jetzt-Zeit, bevor das Auftaktwochenende in Hitzacker mit hochvirtuosem Blockflötenzwitschern von Maurice Steger ausklang.

Marcus Stäbler, 02.08.2021

 

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