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Märkische Oderzeitung

Anaesthesia

Händel mit Hackbrett und Saxophon im Radialsystem

Berlin "Anaesthesia" - ein zauberisches Crossover zum 250. Geburtstag von Georg Friedrich Händel begeistert ein jubelndes Publikum im Radialsystem am Ostbahnhof in Berlin. Händels Kosmos aus Oper, Oratorium und Konzert, der unter Ordnung und Strenge viel Fröhliches, Sinnliches und Abgründiges bereit hält, wird von Nicola Hümpels seit zehn Jahren international bewunderter Truppe "Nico and the Navigators" und der nach einer Tiroler Almwiese benannten Musicbanda "Franui" zu einem charmanten Gesamtkunstwerk. Darin verschmelzen Musik, Tanz, Wort, Melodie, Performance, Bewegung mit Witz, Humor und einer Portion sanfter Nachdenklichkeit.

Aus 24 Werken des großen Komponisten haben sich Markus Kraler und Andreas Schett (Konzept, Komposition, Bearbeitung) bedient. Das Spektrum der Instrumente bindet keck auch Hackbrett, Akkordeon und Saxophon ein. Das gibt der Musik einen heutigen Anstrich. Auf Oliver Proskes Bühne - drei sanft sich windende Etagen - sind die Musiker meist hinter dunkler Gaze verborgen.

Davor bewegt sich das Ensemble, das sich aus Sängern, Schauspielern, Tanz- und Wortgrenzgängern hinreißend mischt. Man lebt und arbeitet einander zu. Theresa Dlouhy (Sopran), Terry Wey (Counertenor), Clemens Koelbl (Bariton) und die Schauspieler werden zu hölzernen Statuen, zu blökenden Schafen, dunklen Ungeheuern, sanften Engelsgestalten, aufgeregt miteinander ringenden, singenden Wesen. Frauke Ritter hat sie mit Geschmack und Fantasie kostümiert.

Kommentiert wird der sanfte, muntere oder turbulent unangestrengt sich ergebende, barock stimmungsvoll von Arnaud Poumarat ins Licht gesetzte Handlungsfaden zumeist in anmutigem Englisch von Adrian Gillott. Was die Ganzkörperpoeten und Barockmusikanten spielerisch mit Grazie und Anmut, Temperament und Furor zum überraschend mitreißenden Gesamtkunstwerk fügen, besticht durch Mut und Demut gleichermaßen als Geburtstagsgeschenk für Händel.

Was schon in seiner Geburtsstadt Halle, in Bregenz und Herrenhausen gefeiert wurde, findet auch in Berlin begeisterte Zustimmung und wirft für Nicola Hümpel und ihre Truppe doch bange Fragen auf. Wie lange wird man zu Honoraren der Selbstausbeutung noch zusammenbleiben können? Der Aufstieg, die auch internationale Anerkennung als Flaggschiff für eine profilierte, mutige und anmutige Avantgarde des Musiktheaters, sind fast ein Danaergeschenk. Denn obwohl "Nico and the Navigators" seit 2007 vom Berliner Senat mit einer Konzeptförderung von 100 000 Euro jährlich bedacht werden, sind für die Realisierung des Projekts und fürs Gastspiel in Luxemburg (27./28.November) Koproduzenten wie Halle, Bregenz und Herrenhausen unerlässlich.

Da aber mehr als vier Vorstellungen derzeit nicht zu bezahlen sind, bleibt das herrliche Händel-Pasticcio sträflich unter den möglichen Besucher- und Einnahmezahlen. Dafür sind zusätzliche Zuwendungen nötig und möglichst auch ein festeres Gast- oder Dauerquartier. Dann könnten die "Nico-Navigators" auch sagen, was ein Darsteller auf nacktem Leib kündete: "Et in Arcadia ego". Also schafft der wunderbaren Truppe in Berlin schnell ein dauerhaft eigenes Arkadien!

 

Lorenz Tomerius, 06.11.2009

 

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