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TAZ

Anaesthesia

Gefährliche Blendung

AUF PUDERWÖLKCHEN Es lebe der Kontrollverlust: Nico and the Navigators feiern mit "Anaesthesia" nach G. F. Händel einen barocken Rausch im Radialsystem

"Warum erstarrt der Hase, der über die nächtliche Landstraße setzt, mitten auf der Fahrbahn, bevor er überfahren wird", fragt der Führer durch den Abend "Anaesthesia". Die Antwort gibt er gleich selbst: "Er ist gebannt von der Schönheit der Scheinwerfer, die auf ihn zurasen und ihn im nächsten Moment zerfetzen."

Die Regisseurin Nicola Hümpel und ihre Crew alias Nico and the Navigators schlagen in "Anaesthesia" den Bogen zwischen "Memento mori" und Narkose: Bedrohlich verlockender Kontrollverlust, lust- bis leidvoll zugleich. So wie der letzte Blick des Narkosepatienten in die Neonröhre über ihm fällt, bevor er in wunderbaren Welten und abgründige Tiefen fällt, in denen Körper und Geist eins sind, so von Sinnen ist bald auch der Zuschauer. "Et in Arcadia Ego" steht auf dem Körper des Tänzers, der eben noch als Statue herumgetragen wurde und nun über die Bühne des Radialsystems hüpft.

"Anaesthesia" ist ein barocker Tanz am Abgrund mit viel komischem Potenzial zu der Musik aus über 20 verschiedenen Händel-Opern.

Uraufgeführt wurde der Opernabend - Untertitel: "Händel with care" - anlässlich des 250. Todestages Georg Friedrich Händels im Juni bei den Händelfestspielen in Halle. Zum Handwerk des barocken Opernunternehmers im London des 17. Jahrhundert gehörte es, wenn der Spielbetrieb mal nicht so lief, Partituren erfolgreicherer Produktionen aus anderen Häusern zu ordern und den eigenen Ladenhütern mit den Versatzstücken auf die Sprünge zu helfen. So entstand die sogenannte Pasticcio-Oper. Nico and the Navigators machen daraus gemeinsam mit der 13-köpfigen Musicbanda Franui aus Österreich einen Zusammenschnitt von Händel-Fragmenten, der auch Opern-Laien eine Ahnung vom Barock verleiht und gleichzeitig nie die Projektionen verhehlt, aus denen sich unser Bild dieser historisch-artistischen Epoche zusammensetzt.

Männer im Schafspelz

Wir sehen Männer im Schafspelz und daneben gewaltige Rüschen, aus denen gerade mal Hände herausschauen, wir sehen und hören furiose Doppel-Soli aus Tanz und Gesang und dreifache Duette. Liebende, Rivalen und Akrobaten wiegen sich in Reihen und Reigen. Ständig pustet jemand in die hohle Hand und Puderwölkchen erheben sich in die Luft, um partikelchenweise zu Boden zu rieseln. Mal bewegen sich alle wie in Zeitlupe und verschmelzen zu Posen wie Gemälde im Goldrahmen. Opulente Gruppenbilder mit Damen und Knaben, Mensch und Tier entstehen und zerfallen. Dann explodieren Bewegungen und Stimmen. Jünglinge baumeln von der Decke, aus jedem Winkel des Bühnenbildes werden Federn gezupft, die Zahl der Performer auf der Bühne und die der verschlungenen Gliedmaßen scheint niemals logisch zusammenzupassen…

Man könnte leicht abdriften und verlorengehen in dieser barocken Klang- und Bilderkathedrale, wäre da nicht Adrian Gillotts sarkastisch-clownesker Kommentar: "So that is what barock looks like(?)" Das plüschige Schlachtfeld der Assoziationen, irgendwo zwischen Absolutismus und Perücken-Prunk, macht süchtig nach mehr Kitsch und mehr K. o., bis in diesem Vollrausch das einprogrammierte Wiedererwachen einsetzt. Gillott leitet, als Einziger sprechend, durch Nicos mehrdimensionalen Bilderdschungel - erstarrt jedoch von Zeit zu Zeit und muss von seinen Bühnenkumpanen "befreit" werden. Denn mit Sprache kommt man nicht weit im wilden Arkadien, wo alles Gefühl, Bewegung, Klang ist. Da hilft nur Poesie, vielleicht auch Ironie. In beidem erweisen sich Nico and the Navigators an diesem Abend als Meister. Von der gesanglichen und tänzerischen Leistung beider Compagnien ganz zu schweigen.

 

Katja Grawinkel, 06.11.2009

 

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