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Volksfreund

Petite Messe Solennelle

Der Dirigent mit der Luftgitarre

Eine Berliner Musiktheater-Compagnie hat Rossinis "Petite Messe Solennelle" als abgedreht-komödiantische Inszenierung auf die Bühne des Luxemburger Grand Théâtre gebracht. 200 Zuschauer waren begeistert.

Eine wunderbar durchgeknallte Version von Gioachino Rossinis (1792-1868) "Petite Messe Solennelle" aus dem Jahr 1863 gab es im Studio des Luxemburger Grand Théâtre zu bestaunen. Hier wird die geistliche Komposition des Meisters der Opera Buffa als Musiktheater inszeniert, das die traditionelle Ästhetik vehement infrage stellt. Die kleine Musik, fern von Rossinis gewaltiger Operngeste, wird mit großen Posen, befremdend und belustigend, überzeichnet. Nico and the Navigators heißt die junge Berliner Truppe um Nicola Hümpel und Oliver Proske, die sich das traut - und es ist ein Erfolg! Eine Performance mit Tänzern, Sängern und Schauspielern, alles ist in Bewegung, selbst die zwei Flügel und das Harmonium. Da tanzt der Tenor wie Nurejew und der Pianist agiert als Schauspieler. Der zwölfstimmige Chor - ebenso wie die Instrumente im Original so angelegt - grimassiert, schauspielert und singt betörend schön.

 

Minutenlanger Applaus

Der junge englische Chordirektor Nicholas Jenkins bewegt sich mit seinen Sängern und Sängerinnen über die Bühne, er dirigiert so inbrünstig, als schwinge er eine Luftgitarre. Um die Gesänge vom Kyrie bis zum Agnus Dei ist eine Rahmenhandlung aus Text, Tanz und Schauspiel gestrickt, deren Sinn sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Das ist aber auch nicht nötig, die Figuren durchlaufen Irrungen und Wirrungen, die Akteure sprühen vor Witz und Spielfreude. Das zählt und kommt bei den 200 Zuschauern gut an, am Schluss applaudieren sie minutenlang. Die Bühne wird effektvoll von einem großen, schrägen Himmelsbogen überspannt und von wundersamen Lichteffekten beleuchtet, die Kulissen werden immer wieder dekonstruiert, dienen mal als Podest, als Treppe oder als Wippe. Das ist faszinierend und verstörend, regt zum Nachdenken, aber auch zum Lachen an. Und über allem schwebt Rossinis großer musikalischer Geist. Der Komponist selbst hatte diese Messe augenzwinkernd als seine Bewerbung für einen Platz im Himmel bezeichnet. Diese zarte Ironie wird von den Navigators mit dickem Pinsel überzeichnet. Aber bitte nicht missverstehen: Nichts an dieser Aufführung ist grob - alles ist ausgeklügelt bis ins Detail, künstlerisch fein choreografiert. Und neu und spannend und bewegend.

 

 

Dirk Tenbrock, 17.05.2013

 

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