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Eggs on Earth

…Nicht mehr ganz so viel Zeit haben Sie, meine Damen und Herren, wenn Sie Nico & the Navigators kennen lernen wollen. Ihre Performance „Eggs on Earth“ ist nur noch heute, Dienstag und Mittwoch noch einmal in den sophiensaelen der quirligen Berliner Mitte zu sehen. Nicola Hümpel hat diese kleine Compagnie 1998 am Bauhaus in Dessau gegründet, inzwischen ist sie in Berlin ansässig, „Ich war auch schon mal in Amerika“ hieß das erste, noch in Dessau erarbeitete Stück, danach kam „Lucky Days, Fremder“, und jetzt also „Eggs on Earth“. Und mit dieser erst dritten Produktion überschreitet die Truppe endgültig die Grenze vom Geheimtip zur Szenen-Größe.

Um es gleich vorneweg zu sagen: das Beste daran ist der Leichtsinn. Mit dem hatte ich gar nicht gerechnet, weil ich vorher so schrecklich Tiefsinniges darüber gelesen hatte, dass es nämlich – in diesem Stück – um – „das Thema Arbeit geht“… und darum, „was es bedeutet, im 21. Jahrhundert einen Arbeitsplatz zu finden“… und „wie unsere Identität als Produkt des Arbeitslebens aussähe“… und noch mehr Sentenzielles dieser Art. Aber dann ist doch nicht Oskar Negt oder Peter Grottian, sondern Buster Keaton der Doktorvater dieser Theater-Arbeit. Die ist quasi eine Slapstick-Version der „Top Dogs“.

Wobei die Männer in ihren korrekten, dennoch unförmigen, deformierenden Anzügen mehr wie Middel oder Low Dogs, eigentlich alle wie kleine Würstchen aussehen. Die beiden Frauen im Team wirken zwar auch mehr fremdbestimmt, als selbstbewusst, trotzdem individueller, widerständischer, oder wenigstens angewidert, wo die Männer nur angepaßt sind.

Das ganze Spiel kommt aus einer Kiste. Die ist nicht aus Augsburg, sondern eindeutig aus Dessau. Eine Art Bauhausmöbel: ein verquerer Kubus, aus vielen Rechteck-Modulen zusammengesetzt, der mal blau, mal grau, mal weiß leuchtet und alles Mögliche ist: Kiosk, Kasperlebühne, Kanzel, Schrein. Manchmal sieht man im unteren Teil zwei Paar Beine abgehen, während oben zwei Köpfe herauswachsen. Einmal steht einer oben auf der Kante, er rudert mit den Armen wie ein junger Vogel, der das erste Mal aus dem Nest fliegen will. Er setzt an zum Abflug, beugt sich vor, traut sich dann doch nicht, zieht sich zurück und sucht Halt auf einem Stuhl. Aus den Ritzen zwischen den Kisten-Modulen kommt mal ein Arm, der eine rote Damenhandtasche ergreift. Oder ein Endlos-Fax, das bis in die Zuschauerreihen vordringt. Ein Papierstreifen nur; doch er erscheint irgendwie bedrohlich, und zugleich sehr komisch. Wie alles und jeder an diesem Abend, selbst so harmlose Floskeln wie die Anrede: „Liebes Team, liebe Mitarbeiter, liebe Kollegen“ oder „Das Buffet ist eröffnet“. Ab und zu versucht einer der Mitwirkenden – nachgerade verzweifelt – mit einem Mr. Fock zu telefonieren, was wie eine Zusammenziehung von Fuck und God klingt. Aber das alles kann man sich denken oder auch nicht. Bedeutung drängt sich nicht auf, sondern bleibt immer spielerisches Angebot, von dem man Gebrauch machen kann oder auch nicht: der neue große Weltatlas als Kopfschutz, die tanzende Pfeffermühle, der ausgestopfte Vogel; rote Taschen, weiße Schuhe; und Stühle wie Blitze aus Holz, die sich auf Podesten zusammenstecken lassen zu Reihen und gerade genug Platz lassen, damit Köpfe sich dazwischen setzen, schieben, fallen lassen können.

Hören Sie nicht so in Sich hinein, da ist nichts“, sagt das eine zum anderen Angestellten-Klon. Und doch ist hinter jeder dieser Figuren, so wie sie gespielt werden, eine Weltgeschichte verborgen. „Ich will nach oben, wollen Sie auch nach oben“, heißt ein anderer Schlüsselsatz. Wenn „Nico and the Navigators“ so weitermachen, dürfte ihnen auf diesem Weg nichts entgegenstehen. „Eggs on Earth“ wird, ich sagte es schon, heute, am Dienstag und am Mittwoch noch einmal aufgeführt, jeweils um 21 Uhr in den sophiensaelen gleich hinterm Hackeschen Markt in Berlin, Mitte.

 

Petra Castell, 11.06.2000

 

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