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TAZ

Lilli in putgarden

Ich ist eine Tasse

Nico and the Navigators stellen in ihrem neuen Stück existentielle Fragen nach dem Bewusstsein der Dinge

Das Dessauer Bauhaus steht wie kaum eine Designschule für die Magie der Gegenstände. Indem hier den Dingen in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts jegliche Verkleidung abgenommen wurde, waren sie auf ihre reine Form reduziert, die ihnen so eine fast mythische Bedeutung verlieh.

Ebendort gründete die 1967 in Lübeck geborene Architektin Nicola Hümpel vor fünf Jahren ein Ensemble, das sie „Nico and the Navigators“ nannte. Ein Name, der sich assoziativ auch in die Richtung der körperlosen Welt des Internets erstreckt. In den letzten Jahren hat die zwischen Tanz-, Bewegungs- und Bildertheater oszillierende Truppe sich in die Oberliga der Freien Szene gespielt. Das neue Stück wurde nun sogar im Stern groß angekündigt: „Lilli in putgarden“.

Da keimte dann wohl manchem Kritiker der Verdacht, hier könne etwas nicht stimmen. „Designertheater“ las man. Und das ist ein böses Wort. Doch so einfach ist das nicht. Denn Nico and the Navigators thematisieren ja gerade die existenzielle Verunsicherung des Einzelnen, der an der Schnittstelle zwischen Sein und Design das Bewusstsein von sich selbst verliert.

Nicos Navigatoren steckt die Krise, in die unsere modernen Zeiten den Einzelnen immer wieder stürzen, deutlich in den Knochen: die Übermacht der Gegenstände einerseits, die man in klassenkämpferischen Zeiten vielleicht noch „Waren“ genannt hätte. Aber auch die virtuellen Gegenwelten haben bei den schönen jungen Menschen zu deutlichem Substanzverlust an Körper und Seele geführt.

Langsam schweben die Figuren wie Fragmente ihrer selbst durch ein gestyltes Ambiente (Bühnenbild Oliver Proske). Immer lächelnd, manchmal mit dem Ausdruck eines unendlichen Erstaunens im Gesicht. Ab und zu kommt ein Satz aus ihren Mündern, der wie übrig geblieben aus einstigen Sinnzusammenhängen klingt: „Sind Erinnerungen ungesund?“, wird da zum Beispiel gefragt. Oder ob die Dinge denn eine Seele haben.

Die letzte Produktion der Navigators, „Eggs on Earth“, befasste sich mit den Absurditäten der Arbeitswelt. Nun ging es um die Gegenstände, die in unserem Leben so wichtig geworden sind, dass sie dem Menschen in der Hierarchie der Schöpfung Platz eins längst streitig machen. Sieben junge Leute kommen also auf die Bühne, sorgsam gestylt und in cremefarbene Kleider gehüllt. Es könnte sich auch um die Präsentation von Designer-Garderobe handeln. Doch die Eleganz ist empfindlich gestört: durch unvermittelt abstehende Haartollen, einen entrückten Gesichtsausdruck oder merkwürdiges Benehmen. Plötzlich reißen sich alle die Kleider vom Leib. Aus dem entstandenen Kleidergewirr lässt sich der verlorenen Chic nicht mehr rekonstruieren.

Die vielen Sammeltassen, die am Bühnenrand den Abend über stumme Präsenz zeigen, haben es da einfacher. „Die stille Rückkehr herrschsüchtiger Mitbringsel“, bringt es ein Navigator währende des Abends mal auf den Punkt. Jemand anderes ruft den „Welt-Tassentag“ aus. Denn natürlich ist es leichter, für etwas zu sein. Mit dem Sein an sich ist es da viel komplizierter.

Und so fechten Nico and the Navigators fast zwei Stunden mit den Dingen einen seltsamen Kampf um die Bühnenpräsenz aus. Bücher, die wie von Geisterhand auf die Bühne gelangen. Tassen, die sich bewegen und plötzlich wieder vom Erdboden verschluckt sind. Im Hintergrund flattert auf einer Leinwand auf einmal ein Kleid im Wind. Eine Frau tritt auf und zieht wie einen Hund einen Staubsauger hinter sich her.

Unterlegt hat Nicola Hümpel den Abend mit einem dicht geknüpften Klangteppich aus E- und U-Musik, der den absurden Slapstickhumor mit melancholischen Sentiment auflädt. Mann und Staubsauger tanzen dazu einen dramatischen Pas de deux. Wie dichter Nebel legt sich die Musik auch dem Zuschauer aufs Gemüt. Da verzieh man manche Länge, saugte Bilder und Stimmungen auf und freute sich an den Körpern, di da so herrlich melancholisch von der Sehnsucht erzählten, sich selbst einmal genau so ernst wie die Dinge nehmen zu können, einmal im leben so sinnvoll wie ein Staubsauger zu sein.

 

Esther Slevogt, 16.07.2001

 

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