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Le Monde

Eggs on Earth

Die Berliner von Nico, angesäuerte Navigatoren

In der Konditorei ist das Säuerliche zwischen dem Sauren und dem Süßen angesiedelt, das die Zungenspitze kitzelt und wie ein schneidend scharf polierter Edelstein im Mund endet. Die jungen Berliner von Nico and the Navigators machen ein Theater lecker wie saure Drops. Ihre Personen sind mit dem Filzstift koloriert und lösen den Zucker eines maßlosen guten Willens in den sauren Randbemerkungen eines trostlosen Alltags auf, um die wertvollen kleinen Steinchen herauszufiltern.

In Eggs on Earth (wörtlich: Eier auf Erden) könnten Nicos Navigatoren die Vorgesetzten und Angestellten irgendeines multinationalen Konzerns sein. Ihr Boss, der unerreichbare Fock (Unschlüssigkeit zwischen dem beleidigenden fuck und dem beunruhigenden doc) ist dort oben damit beschäftigt an den Wolken der Geschäftswelt zu kratzen. Bevor sie auf die Bühne kommen geben sie eine erste Lehrstunde über korrektes Firmenbenehmen in einem ironisch vorgetragenem Tanzgebet bei dem die Turnschuhe blank gewiehnert werden.

Spannungsmomente

In Deutschland symbolisiert der Eiertanz die Unentschlossenheit. Die 5 Jungen und 2 Mädchen stammeln in köstlichem Französisch, wenn sie nicht gerade schweigen, und heben sich die Schreie für die Dachterrasse ihres Büros auf. Manchmal brechen sie (hinter der Bühne) in ein wahnsinniges Lachen aus, das nicht zu versiegen scheint. Sie sind Spezialisten für Spannungsmomente. Der da, der auf dem Dach steht, würde gern wegfliegen: er wird springen, er wird nicht springen ? Über dem Nichts sitzend, bleibt er auf mysteriöse Weise im Gleichgewicht. Um würdig die Haltung zu bewahren werden sie so steif wie ihre Krawatten oder ihre Frisuren.

Nicola Hümpel (Konzeption, Regie und Kostüme) und Oliver Proske (Bühnenbild) sind entfernte Neffen von Pina Bausch (der Zustand), von Kraftwerk (die Hoffnungslosigkeit) und von Charles Schulz (die Situation). Sie hüllen sich in die Musik ein als wäre sie das Dekor und choreographieren ihre kleinen tragikomischen Sätze, die dann tiefgefroren verteilt werden: « Il est trop tard pour commencer tôt » / « Es ist zu spät um früh anzufangen » (süß); « Au fond de mon cœur j’accepte la variété de ma vie de tous les jours » (sauer) / « Im Grunde meines Herzens akzeptiere ich meinen abwechslungsreichen Alltag »; « Je veux monter au top » / « Ich will nach oben » (süß) ; « La technique s’apprend, mais quant au talent, on l’a ou on ne l’a pas » / « Die Technik kann man lernen, das Talent muß man allerdings von zu Hause mitbringen » (sauer). Sie haben gut lachen, da sie beides besitzen.

 

Jean-Louis Perrier, 26.03.2002

 

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