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Kulturradio

Der Familienrat

Auszüge aus der Live-Frühkritik

Wer zu Nico and the Navigators geht, erwartet in der Regel keine Grundsatzerörterungen und tiefschürfenden Analysen. Insofern ist man schon etwas überrascht, wenn die Sophiensaele jetzt ankündigen, „das einzigartige Ensemble" werde einen Blick auf „die einzigartigen Spielregeln, merkwürdigen Rituale und eigentümlichen Verhaltensmuster" werfen, mit deren Hilfe das Zusammenleben der Familie organisiert und erträglicher gemacht wird. Natürlich ist man als Zuschauer sofort bereit, diese sieben Spieler, vier Frauen, drei Männer, als eine Familie zu verstehen. Aber es wird keine Familiensaga erzählt und auch kein Familienrat abgehalten. Wenn man unbedingt will, kann man einzelne Motive des bürgerlichen Familienlebens identifizieren. Etwa das morgendliche Hereinschlurfen im Bademantel, wobei es schon recht ungewöhnlich sein dürfte, was da einzelne Herren quasierotisch mit einem Paar Damengoldschuhen anstellen. Es gibt auch eine gemeinsame Mahlzeit. Dabei ist dann allerdings sehr verwunderlich, dass ausschließlich total vertrocknete Semmeln verzehrt werden. Keine Marmelade, keine Nutella. Es krümelt, was das Zeug hält. Überhaupt herrscht eine gewisse Schrippen-Inflation. Es wird daran gewürgt und gemampft und gebröselt Zum Schluss kippen sie fuderweise aus einer Klappe. Wenn man so will, ließe sich die von Sinta Tamsjadi verkörperte Frau als eine karikierte formelhafte Muttergestalt sehen. Immer schematisch keep smiling. Mit der Kehrschaufel unterwegs. Sie fühlt sich ohne Einschränkung geliebt. Und sie verkündet ein paar verrückte Erziehungs- oder Verhaltensmaximen.

Das Publikum hat hier mühelos einen Wiedersehens- und Wiedererkennens-Effekt. Denn Nicola Hümpel und ihre Spieler handhaben wiederum bekannte Stilelemente. Das Spiel wird von einer gelegentlich fast trancehaften Langsamkeit bestimmt. Es ist aber auch die Verwendung von Requisiten. In der letzten Produktion „Lilli in putgarden" spielten Mengen von Porzellantassen eine erhebliche Rolle, sodass sogar das Ende des Welttassentages ausgerufen wurde. Diesmal wird mit Plastiktassen hantiert und gestapelt. Oliver Proske hat auch wiederum ein Multifunktions-Bühnenbildmöbel gebaut, das sich wunderbar ausklappen, öffnen und schließen lässt. Da wird mit einem Regal getanzt, ohne dass dessen Inhalt herausfällt, und das sich anschließend in eine Treppe verwandelt, die man hinabschreiten kann. Mutti trinkt irgendwann im Kühlschrank Kaffee. Vor allem lässt sich mit Teilen dieses Möbelbaukastens wunderbar blödsinnig herumturnen. Bei Nico and the Navigators wird üblicherweise nicht viel gesprochen. Es fallen aber so bemerkenswerte Sätze wie „Er war zu dünn, um Verantwortung zu übernehmen", „zuviel Wurzelgemüse"; es gibt einen sehr komischen Monolog über den Vater, der fuhr genauso gut rückwärts Auto wie vorwärts, hat den amerikanischen Präsidenten beraten, besaß die größte Bienenzucht, bekam aber nie einen Stich. Ein Album wird geblättert, ohne hineinzusehen, andeutungsweise wird Öl über die Bilder gegossen. Denn auch diesmal wird das Motiv „Erinnerung" hin- und hergewendet. Mutters Erinnerung an ihre Eltern etwa.

Nico and the Navigators sind ja inzwischen so etwas wie Kult. Und gestern Abend herrschte in den Sophiensaelen klaustrophobische Enge. Im Foyer trat man sich die Zehen platt und pustete sich die Zigaretten um die Ohren. Dieser besondere Nimbus steigert natürlich das Erlebnis. Das Stammpublikum, in das sich auch reifere prominente Gesichter mischen, ist selbst Familie. Auch diese Inszenierung pendelt, mit verschiednen Musiken umspült, zwischen Sense und Nonsens, Slapstick und verrückt akrobatischer Bewegung. Aber es scheint mir doch deutlicher, was sich schon bei der letzten Produktion abzeichnete: die Methode Nico wird zur Routine, sie schleift sich ein oder ab. Dieses liebevolle Blödeln ist immer wieder komisch und putzig. Da gibt es eine Theorie über die dummen Oberhälftenesser (wir sind wieder bei den Schrippen) und die intelligenteren Unterhälftenesser, die auch gleich noch bessere Menschen sind. Aber manchmal wird es doch auch ziemlich langweilig. Und so völlig verrückte Einfälle wie den Gassi geführten Stabsauger oder das auf dem Luftkissen eines Haushaltsgerätes balancierte Ei - Einfälle vergleichbar herrlich dämlicher Qualität habe ich diesmal nicht gesehen. So grandios ist die von Schäfchen gemäh-mähte „Stille Nacht, Heilige Nacht" dann doch nicht. Und die Aufführung hat reichliche, Bedeutung vorgebende Leerläufe. Dafür gab es dann wieder hübsche Momente von Verschämtheit, von Annäherung oder auch von völligem Insichgekehrtsein. Die Navigators, glaube ich, müssen aufpassen, dass sie nicht immer noch eine neue Inszenierung für internationale Tourneen herausbringen und dabei in reine Routine fallen.

Peter-Hans Göpfert, 05.10.2002

 

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