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Westdeutsche Zeitung

Eggs on Earth

Wenn Sisyphos ins Büro ginge

Das „Impulse“-Festival der Off-Theater begann mit „Eggs on Earth!“ von „Nico and the Navigators“ aus Berlin

Der Mensch trägt schwer – an seiner Aktentasche: dem Sisyphos-Stein im Angestellten-Hades, in den uns „Nico and the Navigators“ hineinlotsen, wenn sie „Eggs on Earth!“ ins Rollen bringen.

Beim Auftakt des „Impulse“-Festivals im JuTA sieht man zunächst nur die halbe Person – die untere Hälfte mit Beinen in Rock oder Hose und Schuhen, die es braucht, um die Poesie einer Schuhputzmaschine in Gang zu setzen. Aus ihrer multi-variablen Würfel-Box, die Oliver Proske raffiniert als eleganten Baukasten konstruierte, kommen die sieben Darsteller heraus: akkurat und korrekt gekleidete Büromenschen, die die Rituale der Arbeitswelt verinnerlicht haben und sie nun veräußern.

Ein Spiel mit Haltungen, Zuständen, Zwängen, Problem-Stellungen, Frei-Übungen und Ver-Störungen: meditativ, minimalistisch, schwerelos, reduziert und verlangsamt. So, als habe ein unprätentiöser Bob Wilson das Tempo vorgegeben und Achim Freyer die Szene entworfen. Eine Sekretärin blättert in Papieren; jemand erbittet seinen Termin; ein Jüngling mit aufstrebendem Haar räkelt sich ästhetisch in einem Stuhl. Anzugträger hängen in der Luft. Köpfe klemmen zwischen Stühlen. Die Ordnung der Dinge und der Gebrauchs-Gegenstände verschiebt sich um einen kleinen, indes entscheidenden Tic.

Es ist quasi ein Amoklauf in Zeitlupe, sprachlich sehr sparsam, artifiziell ausbalanciert, schön bunt ausgeschmückt und um eine permanente Tonspur bereichert. Wie zum Tanztee wird aufgespielt, es plinkert und singt klassisch, Chopin und der „Valse triste“ trauern, die Beatles beklagen „Eleonor Rigby“, Maschinen stanzen und knattern; es stellt sich die „Unanswered Question“.

Nicola Hümpels Notizen aus der Wirklichkeit speichern und spulen ab: Floskeln des Management-, Werbe- und Kommunikations-Jargons, Standardformeln wie „Ihr Vorgang wird bearbeitet“, vorgedruckte Lebensläufe, Präsentations-Programme. Das brillante Ensemble skizziert Untergebene, Untergeher, Aufsteiger, Aussitzer, Versager, Workaholics und Spezialisten. Man meint, es würde ein sanft-weiches, komisches Requiem in einem verwunschenen Märchenland oder einer Spielzeugwelt aufgeführt, in der Karriere-Kinder in arglosem, staunendem Schrecken spielen

Egal, ob wir es nun Tanztheater, Performance oder surrealen Slapstick nennen. Das Bühnen-Bild-Polaroid ist eine exzellente Alltags-Belichtung. Mechanik trifft auf Psychologie. Dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein!

 

Andreas Wilink, 20.11.2000

 

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