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Frankfurter Allgemeine Zeitung

Eggs on Earth

Aus der Arbeitswelt: „Eggs on Earth“ in den sophiensaelen

Eigentlich klingt das Thema mehr nach Volkshochschule als nach Theatervergnügen: „Was bedeutet es im angehenden 21. Jahrhundert, einen Arbeitsplatz zu haben, zu bekommen oder zu verlieren?“ Solchen und ähnlichen Fragen ist die freie Gruppe „Nico and the Navigators“ für ihr neues Stück „Eggs on Earth“ nachgegangen. Das ist gewiss sehr löblich, aber noch besser ist, dass die trockene Entwicklungsgeschichte dem Resultat in den Sophiensaelen nicht mehr anzumerken ist.

Das 1996 von Nicola Hümpel am Bauhaus Dessau gegründete Ensemble, seit 1998 in Berlin daheim, hat sich mit erst zwei Arbeiten einen hervorragenden Ruf für bildstarke, nonverbal ausgerichtete Aufführungen in einer charmant verspielten, absurd komischen Erzählweise erworben. „Eggs on Earth“ geht diesen Weg zwischen Tanztheater und lebenden Bildern mit bis zur Tollheit getriebenen Alltagsfloskeln eindrucksvoll weiter. Das Bühnenbild von Oliver Proske besteht nur aus einem magischen weißen Würfel samt Türen, Fächern und begehbaren Dach. Am Anfang durchziehen ihn Menschen wie auf dem Weg zur Arbeit. Einer nach dem anderen benutzt eine einfache Schuhputzmaschine, zaghaft, umsichtig, schlampig, energisch. Jemand lässt den roten Musterkoffer vielleicht einer Stoffkollektion stehen, ein anderer nimmt ihn mit. Die Darsteller sind von der Sohle höchstens bis zur Schulter zu sehen, doch wie sich so ganz ohne Kopf bewegen, eröffnet sich ein weiter Horizont individueller Ausdrucksweisen.

Später kommen sie heraus und entpuppen sich als jung, korrekt und trotz ihrer modischen Garderobe wie Zeitgenossen, die mit ihrer Zeit ziemliche Probleme haben. Diese zu verbergen, geben sie sich, ernst wie Buster Keaton, zappelig wie Jacques Tati, enorme Mühe. Die fünf Männer tragen gedeckte Geschäftsanzüge und sehen aus wie Filialleiter bei der Sparkasse, die zwei Frauen wie ihre ordentlichen Assistentinnen. In kleinen, bunten Szenen spielen sie Erfolg, Versagen, Warten auf die große Chance, Üben für den Aufstieg. Oder Freizeit: Zwei Männer fläzen sich in hellblaue, s-förmig geschwungene Stühle und genießen demonstrativ die Sonne. Sie krempeln die Hosenbeine hoch, schieben das Hemd bis zum Hals, kratzen sich ungeniert, summen gemeinsam etwas Jazziges. Der Schlips bleibt umgebunden, wird aber über die Schulter gelegt. Aus ihrer Haut können die potentiellen Hoffungsträger nicht heraus, allerdings dürfen immerhin Teile davon ans Licht.

„Können Sie mich dafür verwenden?“, ist der Schlüsselsatz, nach dem sie sich allzeit richten. Eine Frau verzerrt das Gesicht vor Wut und Ekel, als ihr der Chef an die Bluse geht und darin mit stoischem Gesicht wie in einem Werkzeugkasten kramt. Doch sie hält durch und jubelt am Schluss, trägt ihren Stuhl wie eine Trophäe über dem Kopf von dannen – eine Arbeitslose weniger. „I’m the company commander“, sagt der Mann später und fällt wie ein Brett um. Überhaupt lassen sich „Nico and the Navigators“ gerne fallen, ob in den Unsinn – „Ich würde Sie gerne ein bisschen weltweit expandieren“ -, ins bürokratische Nirgendwo – „Ihr Vorgang wird bearbeitet“ – oder eben einfach zu Boden. Sie beherrschen die Kunst der ernsthaften Komik und der wohl temperierten Distanz zu ihren Figuren.

„Eggs on Earth“ besteht aus surreal entlarvenden Beobachtungen, die mit hoher Kunst verdichtet und versponnen werden. Getragen wird die Aufführung von einer ungezwungenen Musikcollage zwischen Tango, Janis Joplin und Hammondorgel-Allerlei. Die Grundfarbe der Inszenierung ist Blau, die Grundstimmung traumhaft-versonnene Melancholie. So apart ist ein Leben „im Schatten der Selbstaufgabe“ nach dem Motto „Ich will nach oben“ wohl nur auf der Bühne zu haben.

 

Irene Bazinger, 06.06.2000

 

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