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Berliner Zeitung

MatchAtria - e x t e n d e d

Wo bin ich, und wenn ja, wer?

Ein Herz liegt in meiner Hand. Es ist weiß und weich und, da ich es schon eine Weile halte, ist es auch ziemlich warm. Es leuchtet ab und an, und wenn die Tänzerin Yui Kawaguchi ein von der Decke herabhängendes Kabel an ihr eigenes Herz hält, beginnt dieses weiße Plastilinherz in meinen Händen sogar zu pochen. "MatchAtria - Extended"

heißt die multimediale Tanzinstallation in den Sophiensaelen. Es ist eine verrückte, alle Sinne irreführende Performance. Wir werden in Fünfer-Gruppen in die eine Box geführt. Die Wände leuchten rot. Bilder von Arterien, von Herzkammern. Im Halbdunkel wartet schon Yui Kawaguchi, gekleidet in ein japanisches Kampfdress. Wir rüsten uns mit 3D-Brillen und Kopfhörern, man reicht uns jene Herzen.

 

Leise beginnt eine Stimme etwas in unser Ohr zu flü̈stern, trappelnde Geräusche sind hörbar, Sterne sprühen einem entgegen, und mitten in diesem Sternensturm, der sich bald zu einer Reise ins Innere eines Herzens verwandelt, tanzt Yui Kawaguchi. Seit 2002 lebt die japanische Tänzerin und Choreografin in Berlin. 2006 hat sie sich noch als Newcomerin bei den Tanztagen vorgestellt. Von da an ging es steil bergauf.

 

"MatchAtria" ist eine Kooperation mit dem Filmemacher Yoshimasa und dem 3D-Spezialisten Masahiro Teraoka. Wie Kawaguchi in ihrem Stück 3D und live-Performance miteinander kurzschließt und dies mit unterschiedlichen Fragestellungen kreuzt, das ist als Konzept herausragend. Es gibt Längen. Die Reise ins Herz hätte tänzerisch noch in andere Dimensionen vorstoßen können. Aber was bleibt, ist diese merkwürdige Verschiebung zwischen dem Japanisch-Exotischen, das Kawaguchi durchaus ironisch einsetzt, den Sinnen – alsbald schlägt etwa das Herz in den Händen auch ohne Anschluss an die Tänzerin - den enorm poetischen Bildüberflutungen. Wo bin ich? Und, wenn ich mich angefunden habe: Wer bin ich? Wer könnte darauf in Zeiten von digitaler Komplett-Erfassung noch sichere Antworten geben.

 

 

Michaela Schlagenwerth, 21.02.2015

 

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