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Tanz

MatchAtria - e x t e n d e d

kammerflimmern

«MatchAtria»: die ergreifenden Herzzeremonien der Tänzerin Yui Kawaguchi

 

 

Diese Tänzerin tanzt wirklich schön. Aber unwirklich. Denn der Zuschauer, obwohl er im Theater sitzt, trägt einen Kopfhörer für den ultimativen Surroundsound, trägt eine Brille für den perfekten 3D Eindruck. Und er hält das Herz der Tänzerin in der Hand. Zumindest ist es ein sehr präzises, aus Plastilin gefertigtes Modell der menschlichen Pumpe. Yui Kawaguchi tanzt, zieht ein Stethoskop zu sich heran, hält es vor ihre Brust. In diesem Moment regen sich realistische 300 Gramm Lebensgewicht in meiner Hand, das Kunstherz pulsiert unter meinen Fingern. Unwillkürlich umfasst man das weiche Organ fester, erschrocken. Auch der eigene Puls wird schneller. Dabei halte ich doch nur eine klopfende, mit einem Kabel verbundene Beatbox fest. Oder nicht? Ich halte das Herz einer Tänzerin in Händen. Will es schützen. Möchte denken, die Tänzerin hat mir ihr Herz geschenkt. Oder auch: Yui Kawaguchi tanzt mit ganzem Herzen. Deutsche Redensarten, die im Japanischen fast genauso funktionieren. Das geschenkte, zugegeben, hier nur geliehene Herz in meiner Hand pocht sich durch eine wundersame Partitur, durch einen «Tactile Score», der auf einem eigenartigen Notensystem beruht, auf einer Praxis der Gesichtsmassage. Dafür hat die Japanerin Rieko Suzuki jedem Glied der Finger eine Note zugewiesen und überdies, wie in einer gewöhnlichen Partitur auch, das Massage-Tempo und die Massage- Artikulation festgelegt. Ihre Partituren könnte man ebenso auf dem Klavier spielen (hier klopft sie das Herz, im Surroundsound, in Kunstkopfstereofonie), und man kann die Partitur entsprechend auch tanzen, wie Yui Kawaguchi es tut, da hinten, hinter der 3D-Brille.

 

bewegung

Das Bild zeigt in 3D: Sie tanzt mitten in ihrem Herzen, in einer Landschaft mit einem flüssigen Strom aus Hämoglobin. Rote Blutkörperchen fließen durch das Bild, manchmal abstrakt, manchmal zerklüftet wie der Mond. Ginge man, wie es der japanische Kultfilmer Yoshimasa Ishibashi und sein 3D-Spezialist Masahiro Teraoka hier tun, nur nah genug mit einer Kleinstkamera durch die Vorhöfe des Herzens (Atria) spazieren, würde man sie erkennen, die Mikrogewebe aus Muskeln, die wie ein verschneites Feld, ein rissiger Gletscher, ein steiles Massiv wirken. Es gibt in unserem Körperinneren Meteoriten, Wasserfälle, Erdrutsche; die ganze geometrische Natur ist in uns drin. Inspiriert sind diese Bilder von Aufnahmen einer Operation am offenen Herzen, von einem Eingriff in die sonst sterbende Natur, der mit ähnlicher Präzision ausgeführt werden muss wie der aus unendlich kombinierten Gesten exekutierte Tanz von Yui Kawaguchi.

 

Diese dargestellte Natur ist so künstlich wie eine Teezeremonie (Matcha). Sie ist streng, in ihrer Künstlichkeit fast lächerlich. Die gastfreundliche Einladung, das Herz der Tänzerin zu umfassen, gleicht auf einmal dem Akt des respektvollen Haltens einer Teetasse. Hier wie auch in der Chirurgie geht es um Präzision. Ein Schaudern fährt durch den Körper, wenn das Herz in meiner Hand zu flimmern beginnt, dieses Wunderwerk von Junji Watanabe, einem Forscher, der sein Leben dem Taktilen gewidmet hat, als dem einzigen Sinn, dem der Tanz nie wirklich nachkommen kann. Wenn man ihn nicht bei Yui Kawaguchi erfahren hätte. Furcht, Mitleid, das ganze Theaterarsenal strömt durch die eigenen Hände. Und im Ohr flüstert auf Japanisch ein Gedicht von Shiroyasu Suzuki. Es heißt: «Die ertrunkene Leiche».

 

Arnd Wesemann

 

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