-->


Hannoversche Allgemeine Zeitung

Muss es sein? Es muss sein!

Erfüllung statt Vergnügen

Zurück im Konzertsaal nach der Corona-Zwangspause: Das Kuss Quartett und Nico and the Navigators zeigen ihr spektakuläres Beethoven-Projekt in der Orangerie
Schon die Tonart ist eine Warnung. Beethovens spätes Streichquartett Opus 131 steht in cis-Moll. Kaum ein normaler Komponist verwendet eine derart abgehobene Klangwelt, und sogar Beethoven selbst hat bis dahin nur ein einziges Mal darauf zurückgegriffen: ein Vierteljahrhundert vorher in seiner „Mondscheinsonate“. Das nächtlich Erdenfeme der Tonart, das schon in der Klaviersonate einiges Unbehagen auslösen kann, ist im Quartett nun düster verdichtet. Es ist Musik wie eine unruhige Nacht. Gedanken und Erinnerungen treiben wie Nebelfetzen durchs Gehirn: Schönes und Trauriges, Trost und Schuld.
Die vielen Gedankensprünge und abrupten Themenwechsel sowie die eigenwillige Form des Quartetts, das sehr vage gegliedert ist in sieben unterschiedliche Sätze, machen den Hörer wehrlos wie einen Träumer. Das Gedankenkarussell dieser Musik ist nicht zu stoppen und sein nächster Dreh nicht vorhersehbar. Das Stück, das zu Lebzeiten des Komponisten nie aufgeführt wurde, taugt nicht zur unterhaltsamen Hintergrundmusik, die sich auch mal überhören lässt. Diesen Klängen ist man ausgeliefert. Das ist eher kein Vergnügen - es kann aber Erfüllung sein.

Luft und Raum
Eine solche Extremmusik aufs Programm zu setzen, wenn in Niedersachsen zum ersten Mal nach der Corona Zwangspause wieder ein Konzert in einem Konzertsaal gespielt wird, ist ein starkes Zeichen. Seit Beginn der Woche ist das wieder erlaubt, und die Kammermusikgemeinde hat die Chance sofort genutzt und zwei Aufführungen mit dem Kuss Quartett organisiert. Oliver Wille, der zweite Geiger des Ensembles, ist auch künstlerischer Leiter der Kammermusikgemeinde. Er hat dafür gesorgt, dass das Wiederhören ein Ereignis wird. Die Orangerie Herrenhausen hat dafür ein rustikales Ventilationssystem bekommen: Zwei dicke gelbe Schläuche an der Decke saugen geräuschlos die verbrauchte Luft ab und bringen frischen Wind in den ohnehin sehr weitläufigen Raum. Zwischen den Plätzen wird großzügig Abstand gelassen, sodass Platz für immerhin 100 Besucher übrig bleibt, die dem Konzert mit aufgesetzter Mund-Nasen-Bedeckung folgen können.

Doch die besonderen äußeren Umstände treten in den Hintergrund, sobald die ersten Töne in der guten Akustik erklingen: ein lange entbehrtes Erlebnis. Das Kuss Quartett vermag das durch seine außergewöhnliche Programmdramaturgie noch zu steigern. Beethovens frühes B-Dur-Quartett bereitet mit seiner eigenartig verschränkten Rhythmik im Scherzo und der ungewöhnlichen und schwermütigen Einleitung zum Finale immerhin ein bisschen auf all das Unerhörte vor, mit dem das Opus 131 aufwartet.
Und wie Beethoven, der nach diesem Werk noch zwei weitere große Streichquartette geschrieben hat, findet auch das Kuss Quartett einen Weg, den Konzertabend mit einer Steigerung zu vollenden: Das letzte Quartett des Komponisten wird nicht einfach auf herkömmliche Weise gespielt - es steht nach der Pause im Mittelpunkt eines „Staged Concerts“, eines nun inszenierten Konzertes also, das die Musiker in Zusammenarbeit mit der Berliner Musiktheatergruppe Nico and the Navigators erarbeitet haben.

Grimmiger Humor
Regisseurin Nicola Hünrpel, die erst im Januar Rossinis „Barbier von Sevilla“ auf die Bühne der Staatsoper Hannover gebracht hat, erweitert das Personal dafür nur wenig: Zusätzlich zu den vier Streichern ist auch die Tänzerin Yui Kawaguchi mit von der Partie. Die Japanerin erweist sich dabei als eine reaktionsschnelle Übersetzerin: Sie verwandelt den Ausdruck der Musik in Bewegung. In Niedergeschlagenheit und mühsames Aufrichten, in stilles Glück und unbändige Freude.
Der Tanz ist dabei allerdings weder rein verdoppelnde Pantomime, die zeigt, was ohnehin da ist, noch ist er ein Fremdkörper, der hinzufügt, was nicht in den Tönen steckt. Die Bewegungen erscheinen oft wie schwerelos und verleihen so auch der grüblerischen Kunst der Musik eine erstaunliche Leichtigkeit. Man spürt viel stärker den Humor und die zarte Poesie, die fast immer hinter der oft grimmigen Musik Beethovens stecken. Dazu trägt auch das schlichtraffinierte Bühnenbild bei, das eine stabile Sitzgelegenheit für die ebenfalls szenisch agierenden Musiker sein kann. Auf die Seite gedreht aber wird es ein Mond, ein Boot oder eine Wippe, die Geiger und Bratscher in fragiles Gleichgewicht setzen kann.

Die gemeinsame Arbeit an diesem Stück ist Teil eines größeren Beethoven-Projekts von Nico and the Navigators und dem Kuss Quartett. Die Corona-Pandemie hat die Arbeit daran unterbrochen. Nun wird sie wieder auf genommen. Im Dezember soll die Premiere in Berlin sein. Es könnte ein faszinierendes Finale des aktuellen Beethoven-Jahres werden. Lesen Sie auchNicola Hümpel inszeniert den „Barbier von Sevilla“ an der Staatsoper Hannover

Stefan Arndt, 24.06.2020

 

© 2011-2018 Nico and the Navigators