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Mitteldeutsche Zeitung

Shakespeares Sonette

Was soll ich tun, da ich dein Sklave bin?

William Shakespeare auf der Bühne - das versteht sich von selbst, braucht keine Begründung. Im speziellen Fall gilt das sogar für die berühmten Sonette. Denn auch die streng gezirkelte Lyrik hat das Welttheaterformat des großen Briten. Sie gehören zum am meisten in andere Sprache Übersetzten überhaupt.

Aus den 154 überlieferten Sonetten hat Nicola Hümpel jetzt zehn ausgewählt. Allein dafür gibt es fünf Übersetzer. Der Charme und die Herausforderung dieser Koproduktion von halleschem Puppentheater und Nico and the Navigators bestehen in der zelebrierten Zweisprachigkeit. Nicht mit Übertiteln, sondern als eine Art Dialog oder Echo gibt es immer auch die deutsche Version zum englischen Original. In das schlüpft der smarte Adrian Gillott in einer Art Wortchoreografie hinein. Mit grauer Zottel-Perücke und durchdringender Stimme. Als nach- oder eingefühlte Performance. Und dann kommt Sebastian Fortak mit weißem Tütü-Kranz überm braunen Allerweltsanzug und träumt das Ganze in Deutsch nach. Oder vor.

Auch mal mit der wunderbaren Halbkörperpuppe eines alten Mannes, der virtuos Playback beherrscht und sogar die Zunge raus stecken kann. Sonst bleibt der Abend eine Angelegenheit von Menschen auf Oliver Proskes shakespearekarger Bühne. Aus deren Parkett-Belag man einen Gefängnis-Turm bauen kann, wenn es im Sonett Nr. 57 heißt "Was soll ich tun, da ich dein Sklave bin".

Sie erzeugen alle zusammen eine fremde und doch nahe Atmosphäre, die zu einem guten Teil auch von dem Sound lebt, den ihr Sebastian Herzfeld live beisteuert, auch wenn der manchmal im Crescendo zu sehr dominiert. Doch es bleibt ein Rest, zwar nicht von Schweigen wie bei Hamlet, aber doch von Geheimnis. Bis zu dem, welches Gegenüber das Dichter-Ich eigentlich anspricht.

Vielleicht liegt es an den imaginären Tränen des Dichters, die seine Zeilen verlaufen ließen. So jedenfalls spekuliert Nils Dreschke, der wie ein Anwalt die Leser von heute vertritt. Und sich die Sonette markiert hat, die er auf Anhieb verstand. Dass es nur drei sind, ist Gag mit Hintersinn. Und Trost. So einfach ist es nämlich nicht. Weder auf Englisch, noch auf Deutsch. Doch Nicola Hümpel hat ein sicheres Timing für die Atempausen, fürs Heraustreten oder das Dazwischenfunken. Wie durch die wunderbare Steffi König. Wenn sie in den Seelen-Abgrund blickt, den man auch mit zehn Sonetten aufreißen kann, dann reagiert sie nicht mit der Melancholie ihrer Kollegen, sondern hält sich mit schrägen Nina Hagen-Tönen, fulminanter Präsenz und höllischem Lachen aufrecht.

Vor drei Jahren haben Robert Wilson und Rufus Wainwright am Berliner Ensemble den Sonetten die ganz großen Theaterbilder verpasst, also das Innere nach außen gekehrt. In Halle versucht man es andersherum. Hier wird der Blick nach innen gerichtet. Hier soll man das Kratzen der Feder auf dem Papier hören. Hört man auch. Im Programmheft sind die Sonette abgedruckt. In Englisch und in Deutsch. Wer's vorher liest, hat es leichter an dem Abend. Wer nicht, hat das Vergnügungen danach. Beim Nachlesen und Nachklingen lassen.

 

Joachim Lange, 4.05.2013

 

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