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Opernwelt

Orlando

Wie aus dem Kinderbuch

Zumindest im Opernbereich war die Bilanz des Händel-Jahres 2009 eher ernüchternd. Zwar wurde der 250. Komponistengeburtstag an nahezu jedem Opernhaus mit einer Produktion gewürdigt, doch ein Volltreffer, der Impulse für einen neuen, anderen Umgang mit Händels Opernfiguren gegeben hätte, scheint nicht dabei gewesen zu sein. Immerhin gab es einen Hoffnungsschimmer: Mit ihrem „Anaesthesia“-Pasticcio kreierte die Berliner Off-Theatermacherin Nicola Hümpel für die Hallenser Festspiele einen poetischen Bilderreigen, der neugierig machte, ob dieser unverkrampfte, fantasievolle Zugang nicht auch für eine ganze Oper taugen würde. Das sah man offenbar auch in Halle so und vertraute Hümpel mit dem „Orlando“ die große Neuproduktion dieses Jahres an – mit einem Ergebnis, das tatsächlich taugen könnte, der Händel-Welt einen Weg aus den Einbahnstraßen von Barockverspaßung und plattem Bühnenrealismus zu weisen.

Denn von jedem Versuch, für die Figuren des „Orlando“ einen Patz in der alltäglichen Lebenswelt zu suchen und ihre extremen Gefühlsäußerungen durch Informationen über soziales Umfeld und psychische Verletzungen zu rechtfertigen, hält sich Hümpel frei. Das pastellfarben ausgeleuchtete Bühnenhalbrund ihres „Orlando“ ist eine Traumwelt, deren Bewohner in ihren putzigen Kostümen aussehen, als seien sie einem Kinderbuch entstiegen. Die glamouröse Prinzessin Angelica in ihrer Silberrobe, die sie bei Bedarf zum Fächer spreizen kann, der duckmäusrige Medoro, dessen schmales Gesicht fast hinter seinem viel zu großen grauen Kragen verschwindet, und natürlich auch der Titelheld, der unter seiner Russenpelzmütze so kulleräugig in die Welt schaut, dass man ihn für jede Astrid-Lindgren-Verfilmung casten würde. Eine Szenerie, in der die beiden Performer Miyoko Urayama und Patric Schott aus Hümpels Berliner Truppe „Nico and the Navigators“ die Spielregeln setzen: Unermüdlich animieren und illustrieren sie das Treiben auf der Bühne – wie zwei Kinder, die zufällig in ihren eigenen Traum gepurzelt sind. Mal nehmen sie einfach den Bewegungsimpuls einer Arie auf und drehen sich mit ausgebreiteten Armen windmühlenartig im Kreis, mal spielen sie Luftsäbelkaraoke, mal spielen sie mit Requisiten, die die Drehbühne heranträgt, und veranstalten Faxen mit den langen Hirtenstäben und zottigen Fellen, die an die pastorale Umgebung des „Orlando“ erinnern.

Die Idee, Händels Oper quasi durch die Augen eines Kindes zu betrachten, löst zugleich das größte Problem jeder „Orlando“-Inszenierung: den Liebeswahn des Ritters und vor allem die plötzliche Heilung einige Opernminuten später plausibel zu machen, ohne die Musik durch szenische Relativierung zu verkleinern. Orlandos Liebeswahnsinn ist ebenso grenzenlos wie die Enttäuschung eines Jungen, für den gerade eine Welt zusammengebrochen ist. Und seine Heilung genauso abrupt wie der Stimmungsumschwung eines Kindes, das beim Auftauchen eines neuen Reizes den Kummer von eben sofort vergessen hat.

Heraus aus dieser poetischen Händel-Rangelei ragt allein die Schäferin Dorinda: Wenn sich am Ende alle zum fröhlichen Gruppenbild versammeln, steht sie abseits und übergießt sich mit dem Wasser, das zuvor Orlando den Kopf verdreht hatte – vergeblich, denn dieser unreflektierten Kinderwelt ist sie mit ihrer ernsthaften Suche nach Liebe endgültig entwachsen. Getragen wird dieser federleichte Händel-Abend durch ein stimmlich wie darstellerisch überzeugend aufeinander abgestimmtes Ensemble: Der junge Brite Owen Willetts ist als Orlando ein großer Junge, dessen dunkel timbrierte Altstimme die Kernigkeit für das Muskelspiel des „Fammi combattere“ ebenso zur Verfügung hat wie die herzzerreißende Traurigkeit der Wahnsinnsszene. Eine Entdeckung ist auch der junge Russe Dmitry Egorov, der seinen Medoro zum König der Herzen macht – ein Countertenor von seltener Opulenz, die die weit geschwungenen Kantilenen seiner Arien in satter Farbpracht aufblühen lässt. Ein Niveau, das Marie Friederike Schöder als Angelica nicht ganz erreicht – schade, denn ihr an der Königin der Nacht geschulter Sopran bildet einen stimmigen Gegenpol zu Sophie Klußmanns weicher, mädchenhafter Dorinda.

Dass Bernhard Forck bei seinem Debüt als Operndirigent nicht allzu viele Risiken und dramatische Zuspitzungen wagt, ist verzeihlich. In gewisser Weise passt sein klangschöner, wohlgerundeter Händel-Tonfall sogar zu Hümpels entspannter Sichtweise, zumal das Festspielorchester immer wieder mit solistischen Glanzpunkten seine lang erarbeitete Händel-Kompetenz beweisen kann.

 

Jörg Königsdorf, 01.07.2010

 

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