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Die deutsche Bühne

Reigen

Verloren im Schaumstoff

Ein Skandalstück ist Arthur Schnitzlers 1920 in Berlin uraufgeführte Komödie „Reigen“, die zehn sexuelle Begegnungen von Mann und Frau beschreibt, schon lange nicht mehr. Sex außerhalb der Ehe ist in Deutschland längst kein Aufreger mehr, sondern gesellschaftliche Normalität. Dennoch hat Schnitzlers ernüchternde Sicht auf die Liebe in Zeiten des Online-Datings nichts an Aktualität verloren. Dies ist am Stuttgarter Opernhaus zu erleben, wo nun 23 Jahre nach ihrer Brüsseler Uraufführung Philippe Boesmans gleichnamige Oper (Libretto: Luc Bondy) anlässlich des 80. Geburtstags des belgischen Komponisten Premiere hatte.

Am Pult des Staatsorchesters Stuttgart steht wie bei der Uraufführung Sylvain Cambreling. Der Franzose hat ein gutes Händchen für dessen zugängliche, lichte, immer wieder auch ironische Musik, die blitzschnell umschaltet zwischen Pathos und Lakonie. Und die einen herrlichen Humor entwickelt, wenn beispielsweise beim Zusammentreffen von Graf und Sängerin in der neunten Szene der Ex-Lover anruft und dessen verzerrte Telefonstimme von einer gedämpften Posaune nachgeahmt wird. Die Regisseurin Nicola Hümpel vom Berliner Musiktheaterensemble „Nico and the Navigators“ greift diese musikalische Ironie auch szenisch auf, was dem umjubelten Premierenabend eine Leichtigkeit verleiht und mehrfach lautes Lachen im Publikum provoziert. Dass sich neben der Drehbühne auch musikalisch manches im Kreis dreht und die eine oder andere Szene Längen hat, ist der Vorlage geschuldet. Handwerklich ist diese Musiktheaterproduktion perfekt gearbeitet. Und auch im Orchestergraben herrscht Präzision.

Oliver Proske hat für den „Reigen“ einen zunächst leeren Bühnenraum entworfen, der nach und nach mit Requisiten und Wänden gefüllt wird. Die Drehbühne schafft fließende Übergänge. Die einzelnen Szenen hinterlassen Spuren. Ein pinkfarbener String taucht immer wieder auf wie eine Erinnerung. In der letzten Szene, als der Graf auf die Dirne trifft, die den Liebesreigen mit dem Soldaten eröffnet hatte, finden sich auch eine Socke, Dosen und Schuhe von früheren Begegnungen (Kostüme: Teresa Vergho). Und korrespondieren mit vergangenen musikalischen Motiven, die hier ebenfalls wieder erklingen. Neben den zehn Protagonisten, die zu Beginn alle auf der Bühne stehen und sich schon einmal beschnuppern, ist mit Julla von Landsberg und Michael Shapira immer wieder ein zusätzliches Tanzpaar per Video zu sehen, das die verschiedenen Variationen der Begegnung in berührenden Choreographien umsetzt. Zusätzlich gibt es zwei Live-Kameras, die die Mimik der Paare einfangen (Video: Judith Konnerth/Nicola Hümpel). Grandios umgesetzt ist diese Idee beim Cybersex am Laptop zwischen dem eitlen Dichter (Matthias Klink) und dem süßen Mädel (Kora Pavelic), wenn die erregten, nach dem Höhepunkt debilen Gesichtszüge des einen auf der Leinwand dem skeptischen, völlig unbeteiligten Blick der anderen gegenübergestellt werden. Nach den Sexdates wird noch ein Selfie geschossen, das wie auf dem Smartphone weggewischt wird. Der nächste Partner kann kommen.

Die Stuttgarter Produktion ist grandioses Ensembletheater. Acht der zehn musikalisch wie darstellerisch präsenten Akteure sind Mitglieder des Hauses. Die Gäste Melanie Diener als divenhafte, hochdramatische Sängerin und die Mezzosopranistin Kora Pavelic fügen sich nahtlos in diesen Reigen. Den eigentlichen Geschlechtsakt hat Arthur Schnitzler im Text mit drei Pünktchen nur angedeutet. Boesmans dreistündige Oper füllt diese Leerstelle mit oft ganz lyrischer, schwebender Musik, die den Figuren doch ein wenig Emotionen lässt. Fast kann man an die Liebe zwischen der jungen Frau (Rebecca von Lipinski) und dem Gatten (Shigeo Ishino) glauben, ehe sich die Gattin doch verdächtigt macht, als sie ihn nach vollendetem Ehevollzug mit dem falschen Vornamen anspricht. Tücken hat auch das Treffen zwischen dem jungen Mann in Safarihemd und Shorts (Sebastian Kohlhepp) und dem Stubenmädchen (Stine Marie Fischer), bei dem die sirrenden Mücken, dargestellt von am Steg gespielten Streichertremoli, mehr Energie entfalten als die schlaffen Liebenden. In der nächsten Szene findet sich Kohlhepp in einer loriotesken Sitzgruppe wieder und kämpft mit Schaumstoff-Kissen um die richtige Stellung und eine adäquate Erektion. Als sich das verknotete Kissen schließlich erhebt und die Trompeten dazu den Bachchoral „Was Gott tut, das ist wohl getan“ schmettern, ist das kurze Glück perfekt, ehe sich das nächste Liebesdesaster anbahnt.

Georg Rudiger, 25.04.2016

 

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