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Süddeutsche Zeitung

Reigen

Jeder Sex ist anders

Am Perversesten treiben es mal wieder die Künstler. Nachdem die Sängerin und der Dichter sich in einer riesigen Badewanne mit einer dunklen Masse bekleckst haben, diskutieren sie über den Unterschied zwischen altmodischen Opern und modernem Repertoire. Höchst wahrscheinlich ironisiert sich Komponist Philippe Boesmans damit in seiner Oper "Reigen" auch selbst. Denn Boesmans Opern folgen dem klassischen Modell der Literaturoper, für das er vor allem Theaterstücke der frühen Moderne adaptiert, gern solche, die in die Abgründe menschlicher Sexualität hinableuchten. Der Erfolg gibt ihm Recht, für einen Gegenwartskomponisten wird Boesmans ziemlich oft nachgespielt.

Zu seinem am 17. Mai anstehenden achtzigsten Geburtstag hat die Oper Stuttgart den 1993 in Brüssel uraufgeführten "Reigen" in den Spielplan genommen, nach dem berühmten, noch immer halb auch berüchtigten Stück Arthur Schnitzlers. Der im vergangenen November verstorbene Theaterregisseur Luc Bondy hatte es zum Libretto umgearbeitet, wobei er die Grundstruktur unangetastet ließ: In zehn Szenen begegnen sich je zwei Menschen in aufsteigender sozialer Schichtung. Mögen die sprachlichen Codes dabei immer komplizierter werden, so laufen die Szenen am Ende doch immer auf das Eine hinaus: auf die wahrscheinlich berühmtesten Bindestriche der Weltliteratur.

Boesmans übersetzt sie in die Stimmen eines aus dem Off singenden Paars, das sich in Versen aus dem biblischen Hohelied vokal umschlingt. Da hatte Richard Strauss in der Einleitung zum "Rosenkavalier" - entstanden nur wenige Jahre nach dem "Reigen" - in Sachen Sexualdrastik schon deutlich heftiger zugelangt. Ansonsten aber dürfte Strauss als stilistisches Vorbild durchgehen. Auch Boesmans verhandelt erotisches Begehren als leichthändiges Spiel, das dabei zu einem selbstreferenziellen über Musik wird. Ironisch zitiert er sich durch die halbe Musikgeschichte. Noch in der akustischen Dauerpräsenz der Terz als bestgehasstem Intervall der Moderne steckt ein Stück Koketterie.

Die Figuren kommen bei Boesmans aus den unterschiedlichsten musikalischen Welten, was teilweise die dem Rotstift beziehungsweise der Gattung Oper zum Opfer fallende sprachliche Differenzierung Schnitzlers ausgleicht. So ruht der junge Herr (Sebastian Kohlhepp) auf breiten Streicherakkorden, während das Stubenmädchen (Stine Maria Fischer) ihm den Swing ins Haus bringt. Die autoritären Linien des verlogenen Ehemanns (Shigeo Ishino) werden nur von wenigen Orchestereinwürfen gestützt, während seine Gattin (Rebecca von Lipinksi) deutlich von der zur Schnitzler-Zeit handelsüblichen Hysterie gezeichnet ist.

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Doch sorgt der Eklektizismus der Mittel auch dafür, dass der Partitur auf Dauer ein eigenes Gesicht fehlt. Die Komposition meldet kein formales Gegengewicht gegen die Szene an. Im klassischen Orchesterapparat siegen am Ende allzu oft die Violinen. Am Dirigenten Sylvain Cambreling liegt es jedenfalls nicht. Der Stuttgarter Generalmusikdirektor, der einst bereits die Brüsseler Uraufführung geleitet hatte, leuchtet die Partitur mit dem Staatsorchester Stuttgart maximal klangsinnlich aus.

Dafür beherrscht Boesmans tatsächlich, was vielen Gegenwartskomponisten schwer fällt: Er kann für Stimmen schreiben, was ihm die Sänger mit einer beeindruckenden Ensembleleistung danken. Da lockt die Dirne (Lauryna Bendžiūnaitė) in gurrenden Koloraturen, während der Soldat (Daniel Kluge) eher geradlinig rezitiert. Da ergeht sich die Sängerin (Melanie Diener) in den großen Linien der Hochdramatischen, während der Graf (André Morsch) seinen unfruchtbaren Stammbaum mit Ausflügen ins Falsett illustrieren darf.

Dass sie auch körpersprachlich individuell wirken, dafür hat die Regisseurin Nicola Hümpel in improvisatorisch angeleiteten Studien mit den Sängern gesorgt. Die Chefin der koproduzierenden Berliner Theatertruppe "Nico and the Navigator" findet ebenso wie ihre Kostümbildnerin Teresa Vergho feine Formen, soziale Schichten in der Gegenwart zu erzählen. Hier hat jeder seinen eigenen Sex. Die einen lassen Schaumstoffpolster anschwellen, die anderen zuzeln an Wiener Würstchen, die dritten pressen nur intensiv die Hände aufeinander. Nur eines macht zum Glück keines der Paare: sich ausziehen und die theatergängigen Sexsimulationen vorführen.

Dafür lässt Hümpel sich intensiv auf die Atmosphäre der Partitur ein und sucht ebenfalls nach Leichtigkeit. Wozu nicht zuletzt die leicht irrsinnigen Kunststoffmöbel beitragen, die man schon von "Nico and the Navigator" kennt. Der Bühnenbildner Oliver Proske zwingt die Szenen nicht in ein Einheitsbühnenbild, sondern lässt die Räume spielerisch auseinander hervorgehen. Auf einer Leinwand im Hintergrund verstärken Videoprojekten (Judith Konnerth) hinreichend unaufdringlich die Mimik der Sänger. Das wirkt manchmal vielleicht etwas harmlos, ist dafür aber auch nie bedeutungsschwanger. Zeitgenössische Oper als Publikumserfolg, wie schön.

Michael Stallknecht, 8.05.2016

 

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