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Kieler Nachrichten

Muss es sein? Es muss sein!

Beethoven in neuem Licht

Die 73. Sommerlichen Musiktage Hitzacker, Deutschlands ältestes und wohl auch innovativstes Kammermusikfestival, haben auch in diesem Jahr viele Musikfreunde in das kleine, idyllische Städtchen an der Elbe gelockt. Thema ist "Beethoven!".

Oliver Wille, der seit 2016 Intendant der „Sommerlichen“ ist, hat für dieses Jahr seinen, wie er sagt, „Lieblingskomponisten Beethoven“ in den Mittelpunkt gestellt, zwei Jahre vor dessen 250. Geburtstag. Berühmte Künstler geben sich während des 9-tägigen Festivals die Türklinke in die Hand, von Camilla Tilling und Christian Tetzlaff bis hin zu Rudolf Buchbinder.

Festivalgruß: Nike Wagner vom Beethoven Fest Bonn

Ein ganz besonderer Gast kam aus Bonn, Nike Wagner, die Urenkelin des großen Komponisten. Als Intendantin des Beethoven Festes Bonn (seit 2014) konnte sie in ihrem Vortrag „Wagners Beethoven“ zukunftweisende Impulse zu dem Thema „Jubiläumsjahre“ geben. Sie erläuterte, welchen Aufgaben sich ein Beethovenfest im 21. Jahrhundert zu stellen hat und kam zu dem Schluss, dass die Werke nicht nur immer neu gespielt und interpretiert werden sollten, sondern auch eine, wie sie es nennt, „produktive Umformung“ erfahren müssten.

"Produktive Umformung"

   In Hitzacker geschieht genau das, in fast jeder einzelnen Veranstaltung. Und das zeichnet dieses sympathische Festival im östlichsten Winkel Niedersachsens in besonderem Maße aus. Oliver Wille, der zweite Geiger des Kuss Quartetts, hat Beethovens letztes Quartett, das Opus 135, dem Publikum in neuem, geradezu sensationellen Licht präsentiert.

Beethovens letztes Streichquartett auf der Kippe

Die barfuß und in salopper Kleidung auftretenden Musiker haben ohne Noten gespielt, sind dabei hin und her gegangen, als ob sie sich miteinander unterhielten, entsprechend dem berühmten Goethe-Wort über das Quartett-Spiel als „Gespräch von vier vernünftigen Leuten“. Aber ob es „vernünftig“ war, dass zwei Musiker auf eine große u-förmige Wippe stiegen und dort weiter spielten, sei dahingestellt. Das sah halsbrecherisch aus und verblüffte nicht wenig.

Szenische Interpretation durch Nico and the Navigators

Die Tänzerin Yui Kawaguchi (Nico and the Navigators) hat das Spiel des Kuss-Quartetts mit hoch virtuosen, präzisen und stets zur Musik passenden Tanzbewegungen begleitet und so zum Quintett erweitert. Auf diese Weise ist den fünf Künstlern eine faszinierende „produktive Umformung“ des oft als sperrig empfundenen letzten Streichquartetts von Beethoven gelungen, die beim Publikum einen Sturm der Begeisterung ausgelöst hat.

Jürgen Gahre, 31.07.2018

 

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