Völlig grundlegend stieß schließlich Detlev Glanert die Frage an, was Musiktheater als solches ausmacht. Seine musikalische Adaption von Elias Canettis Die Befristeten wurde als Oper ohne Sänger tituliert. Und tatsächlich war an diesem Abend im Cuvilliés-Theater vorrangig ein Theaterstück zu sehen, dass permanent von Musik begleitet wurde – begleitet? Es erinnerte an die Schauspielmusik vergangener Jahrhunderte und die Kinoorgel beim Stummfilm, weil Glanerts Komposition einen Teppich bildete, der gleichwohl die Affekte und Peripetien der Handlung mit ging, aber keine musikimmanente Eigenständigkeit hatte. Dabei wurden musikgeschichtliche Genres stilisiert, vom Walzer über Serenaden bis hin zu jazzy tones, die Neue-Musik-typisch verfremdet wurden. Wie lassen sich Schauspiel und Musik (Ensemble Piano possibile) verzahnen, wenn das gewohnte Zahnrad, Sängerinnen und Sänger, fehlte? Stattdessen bereicherte die beeindruckende Tänzerin Yui Kawaguchi das Geschehen um eine weitere interpretatorische Ebene. Die Befristeten, das waren Erdenbewohner in einem futuristischen Zeitalter, deren Todesdatum determiniert war, in einer Kapsel am Nacken befindlich eingeschrieben. Den Naturgesetzen widersetzt sich dieses zunächst unantastbare Ordnungssystem – womöglich auch eine Form der Utopie – mit seiner wissenschaftlich-technologischen Stochastik. Ganz unterschiedlich kann der Umgang mit dieser Gewissheit sein. Nur einer hinterfragt das System und setzt damit plötzlich Ängste und Gefahren bei den Protagonisten frei, die am Ende wieder zur Freiheit verdammt sind und sich nicht mehr von einem vorbestimmten Lebensweg, gleich der Nadel auf einer Schallplatte, leiten lassen können.

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