Die Performer von „Nico and the Navi­ga­tors“ beweisen in ihrer Insze­nie­rung „Die Stunde da wir zu viel vonein­ander wussten“ auf Kamp­nagel bei vielen Szenen ein gutes Gespür für Alltags­be­ob­ach­tungen und Stim­mungen: Menschen, die hektisch durch­ein­ander und anein­ander vorbei laufen, stoßen immer wieder abrupt zusammen, so dass es zu kurzen Momenten der Nähe kommt, bevor alle wieder weiter hetzen. Es ist ein Spiel mit Gegen­sätzen und Kontrasten: Melan­cho­li­sche Lieder und Momente stiller Poesie, wenn zum Beispiel Zeitungen im Wind tanzen, werden immer wieder von aggressiv-fröhlichen Business-Menschen und ihren alles domi­nie­renden Smart­phones gestört. Aller­dings werden diese diame­tralen Gegen­über­stel­lungen so häufig und so überspitzt verwendet, dass sie leider sehr vorher­sehbar sind. Glei­ches gilt für die stereo­typen Zeitgeist-Menschen, die hier ihren Weg auf die Bühne finden: Egal ob pene­trante Sport- und Karrie­re­typen oder skur­rile Exzen­triker und Freaks – sie alle sind ledig­lich eindi­men­sio­nale Abzieh­bild­chen, reine Klischees. Keine Spur von Ambi­va­lenz oder Komple­xität. Und warum muss immer wieder ein kleiner Hund im Pail­let­ten­kleid auf dem Arm einer exzen­tri­schen Sängerin wie eine Hand­ta­sche über die Bühne geschleppt werden? Klar, Hunde oder Männer in Frau­en­klei­dern sorgen auf der Bühne immer für Aufmerk­sam­keit und (leider immer noch) oft für sichere Lacher. Aber sie fallen auch in die Kate­gorie Effekt­ha­scherei und tragen nicht unbe­dingt zu mehr Tiefe oder inhalt­li­cher Ausein­an­der­set­zung bei. Die Stärke von Nico und die Navi­ga­toren liegt eindeutig im Bereich der Choreo­grafie und der Musik, die immer wieder für skur­rile und melan­cho­li­sche Momente sorgen. Mehr­deu­tig­keit und Viel­schich­tig­keit zählen leider weniger zu ihren Stärken. Beson­ders deut­lich wird dieser Hang zu plaka­tiven Eindeu­tig­keiten in den Texten, die das Stück von Peter Handke, das eigent­lich ledig­lich Regie­an­wei­sungen und keinerlei Dialoge enthält, ergänzen: Wenn zum Beispiel der junge, aktive und attrak­tive Jogger der alten Frau ihre Nutz­lo­sig­keit detail­liert schil­dert, wirkt dieser Monolog weniger wie eine Zuspit­zung, sondern wie eine Verein­fa­chung. Dem Zuschauer wird es hier sehr leicht gemacht, sich über die eindi­men­sio­nalen Stereo­typen auf der Bühne zu amüsieren oder den Kopf über sie zu schüt­teln, ohne sich Fragen nach eigenen Verflech­tungen in komplexe Phäno­mene wie Parti­ku­la­ri­sie­rung, Flexi­bi­li­sie­rung und Mobi­li­sie­rung der Gesell­schaft stellen zu müssen. „Die Stunde da wir zu viel vonein­ander wussten“ bemüht sich darum, den schnell­le­bigen und ober­fläch­li­chen Zeit­geist einzu­fangen und vorzu­führen, bleibt dabei aber leider zu plakativ und auf Unter­hal­tung und Gefallen bedacht, so dass die darge­stellten Phäno­mene ledig­lich repro­du­ziert werden.

<< Zurück zur Presseübersicht

Ticket-Benachrichtigung

Tickets für diesen Termin sind noch nicht erhältlich. Hinterlassen Sie Ihre E-Mail-Adresse, um benachrichtigt zu werden, wenn Tickets verfügbar sind.

Unbenannt-2