Auf der Suche nach dem gemeinsamen Augenblick

In dem Musiktheater nach Elias Canetti geht es um die Fragen: Was ist, wenn man weiß, wann die letzte Stunde geschlagen hat? Und was passiert, wenn man diese Gewissheit plötzlich verliert? Es war einmal eine Zeit, als Menschen Martin oder Mandy hießen und – man stelle sich vor – nicht wussten, wann und wie ihr ureigenes Licht erlöschen würde. Plötzlich wurden sie vom Tode ereilt: „Nur Privatpatienten starben langsamer“ – die Gruppe Nummerierter amüsiert sich königlich darüber. Sie heißen 43 oder Dr. 46 – je nachdem wie alt sie sind. Jeder trägt sein genaues Sterbedatum in einer verschlossenen Kapsel mit sich herum und hütet es als Geheimnis. Beruhigend einerseits: Es gibt keine Mörder mehr. Sie können niemanden um die Ecke bringen, dessen Todestag genau festgelegt ist. Beängstigend andererseits: Wenn ein besonders Hormongesteuerter noch während der Lebenszeit seiner Liebespartnerin schon mal deren Nachfolgerin auswählt. Und auch irgendwie beschränkend in Bezug auf die Lebens-/Liebesplanung. Wie sollen zwei füreinander Bestimmte den gemeinsamen Augenblick finden? Die Protagonisten gehen alle Eventualitäten durch: Überlegen beispielsweise, dass ein 88-Jähriger gar nicht beliebt sein kann, weil er schließlich alle überlebt. Rechnen die Zahl der noch verbleibenden Liebesschwüre aus und nörgeln: „Noch 2000 Vorstellungen in gelangweilte Gesichter schauen“. Irgendwann wird es einem Herrn mit der Nummer 50 zu blöd. Er öffnet die Kapsel – und entdeckt: Sie ist leer. Was nun? Die Protagonisten sind frei und zugleich gefangen in ihrer Todesfurcht. Die experimentelle Musiktheatergruppe Nico and the Navigators mit Detlev Glanert und sehr überzeugend agierende Ensemblemitglieder des Residenztheaters München präsentieren Elias Canettis Schauspiel aus dem Jahre 1955. Das Gesellschaftsspiel findet auf einer die vergehende Zeit sehr gut symbolisierenden Drehbühne statt – als Interaktion zwischen Sprache und Musik: mit witzigem Wortgeplänkel, tollen Tanzszenen, Improvisationen, Momenten des Innehaltens – allerdings auch mit unnötiger Sächsisch-Verhohnepipelung und einigen szenischen Längen.

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