Beifall für skandalumwittertes Stück

Als Arthur Schnitzlers 1896/97 geschriebener "Reigen" 1920 in Berlin uraufgeführt wurde, kam es zu einem Theaterskandal und später zu einem Prozess wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses", in dem alle Angeklagten freigesprochen wurden. Bei der Erstaufführung des gleichnamigen, von Philippe Boesmans musikalisch illustrierten Werks in der Staatsoper Stuttgart gab es jetzt einhelligen Beifall. "Zehn Dialoge" heißt das Schauspiel im Untertitel. Und das ist auch in der Oper nichts anders, deren Libretto von Luc Bondy stammt, der das Werk als Regisseur 1993 in Brüssel zur Uraufführung brachte. Wie jetzt in Stuttgart hatte Sylvain Cambreling die musikalische Leitung. Die Dirne lockt den Soldaten. Dieser wiederum vergnügt sich mit dem Stubenmädchen. Das ist für den jungen Herrn nur eine Laune. Sein galantes Abenteuer sucht er bei einer jungen Frau. Diese setzt ihrem moralisierenden Gatten Hörner auf. Der sucht seine Abwechslung bei einem süßen Mädel. Das gibt sich naiv einem Dichter hin. Dieser verbringt eine Nacht mit einer Schauspielerin - jetzt mit einer Sängerin. Sie hat es jedoch auf den Grafen abgesehen. Der landet dann am Ende in den Armen der Dirne. Das war damals und ist heute die Geschichte. Die hat der 1936 in Tongeren, Belgiens ältester Stadt, geborene Komponist und Organist Philippe Boesmans vertont. In eklektizistischer Manier vereint er verschiedene Musikstile und Klangvorbilder von Bach bis zu Seriellem, Spätromantisches, französisch Impressionistisches, Expressionistisches. Richard Strauss wird zitiert, man glaubt, Alban Berg zu hören. Das ist überwiegend wohlklingend und vor allem illustrativ hinsichtlich des Stoffes. Für die Sänger gibt es dankbare Aufgaben. Das Orchester kann schwelgen. Sylvain Cambreling kostet mit dem Staatsorchester Stuttgart die Möglichkeiten dieser nuancenreichen Komposition, in der auch ironische Elemente nicht fehlen, voll aus und ist den Solisten ein einfühlsamer, reich differenzierender musikalischer Leiter. Die Aufführung ist eine Produktion der Oper Stuttgart, in Kooperation mit Nico and the Navigators, einem 1958 von Nicola Hümpel und Oliver Proske gegründeten Berliner Musiktheaterensemble. Und diese zwei tragen nun auch für die Realisierung der Aufführung Verantwortung - sie für die Regie, er für die Bühne. Ein trapezförmiger Boden und eine ebensolche Decke sind das gleichbleibende Element dieser Bühne. Auf sie werden im Lauf des über dreistündigen Geschehens die verschiedenen Räume der Handlung, samt entsprechendem Mobiliar und Requisiten von der einen Seite herein- und auf die andere Seite hinausgeschoben. Das ist der "Reigen", nicht auf einer Dreh-, sondern auf einer Verschiebebühne. Zum Auftakt sieht man die zehn Akteure der Oper in Video-Porträts. Anschließend tippeln sie im Gänsemarsch von der linken Seite herein, schleichen sich hinten aneinander vorbei, berühren sich oder schmiegen sich aneinander. Und dann setzt der erste Ton ein und das musiktheatralische Geschehen beginnt. Dabei spielen Videos von Judith Konnerth und Nicola Hümpel eine nicht unwesentliche Rolle. Zum einen sieht man die Sänger nicht nur auf der Bühne agieren, sondern auch per Video-Großaufnahme im Hintergrund, nicht immer kongruent, dafür Gefühle und den Ausdruck verdeutlichend. Dazu kommen die Sopranistin Julia von Landsberg und der Performance-Künstler Michael Shapira als die Geschichte kommentierendes Video-Paar. Die "Zehn Dialoge" werden von den Sängern ihren Aufgaben entsprechend, sowohl stimmlich als auch spielerisch, überzeugend verkörpert. Dieter Schnabel © Fränkische Nachrichten, Samstag, 07.05.2016

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