Betäubende Wehmut

„Anaesthesia“ im „Grand théâtre“ Ein Pasticcio zum 250. Todestag von Georg Friedrich Händel Wenn schon die Mitwirkenden mit staunenden Augen und scheinbar orientierungslos über die Bühne irren, wie sollen sich dann die Zuschauer einen Reim auf das Gebotene machen? Dennoch hatte die Händel-Hommage „Anaesthesia“, die Nico (Hümpel) and the Navigators & Franui in Zusammmenarbeit mit den Händelfestspielen Halle, den Bregenzer Festspielen und dem Grand Théâtre Luxembourg aufbereiteten einen eigentümlichen Reiz, der sich nur schwer definieren lässt. Das Pasticcio umfasste 32 Auszüge aus Händel-Opern, die ohne erkennbaren roten Faden in eine Mischung aus Pantomime, Tanz und Sprechtheater eingebunden waren. Und dass man in puncto künstlerische Qualität nicht die traditionellen Erwartungsmaßstäbe anwenden konnte, stand eigentlich schon beim fröhlichen, alpenländisch verjazzten Einstand des Instrumentalensembles „Franui“ fest. Dasselbe gilt für die Gesangseinlagen. Wenn die Sopranistin Theresa Dlouhy und der Countertenor Terry Wey auch schöne Stimmen haben, so präsentierten sie ihre Kunst doch beiläufig und ohne Star-Attitüde. Zumal sie sich immer wieder der Störaktionen ihrer Partner erwehren mussten, die ständig aus der Reihe tanzten. Beliebte Instrumente der Irritation waren Pelze und Federn, die auch als eine Art Kultobjekte dienten. Es war wie ein Puppenspiel, in dem zu gewissen Momenten die Fäden reißen und die Marionetten sich selbstständig machen. Nicht ohne Grund betonen die Initiatoren des unkonventionellen Spektakels, dass sie ausgehend vom musikalischen Stoff, der Improvisation viel Raum geben, mit dem Risiko (schlussfolgert der Kritiker), dass diese Improvisation mit dem Ausgangsmaterial nicht mehr viel zu tun hat. Komisch war das nicht, obwohl verschiedene Zuschauer dies bis zum Schluss zu glauben schienen. Wenn Humor, dass ein abstrus-widersinniger à la Lewis Carroll. Dazu passten irgendwie die zarten Absurditäten, die Adrian Gillott, wie ein junger, schlanker Händel im Turban auftretend, in gewähltem Englisch artikulierte. Aber anstatt die Fäden zu ziehen, wird auch er eine Gliederpuppe, die führerlos rotiert, bis die anderen sie aus ihren Pirouetten in ihre lebenden Bilder ziehen. Ironisch sanfte Wehmut zeichnet diese eher asketischen als opulenten Tableaus. Sicher zu gesucht, zu intellektuell, um der überbordenden Sinneswelt des barocken Musikgenies gerecht zu werden. Da nutzt es gar nichts, dass immer wieder halbnackte Körper mit dem Kopf nach untern in die Bühne hineinschlenkern, Sylvie Merck sich konsequent in Hysterie übt oder Yui Kawaguchi – wenn sie nicht gerade als Häschen herumhoppelt – ehrfürchtig den Schweiß auswringt, den sie ihren zu Statuen erstarrten männlichen Kollegen abgewischt hat. Ein paar eindrucksvolle Momente prägen sich ein. Etwa die Szene, in der alle den permanent hilflosen Terry Wey mit den unmöglichsten Kleidern behängen. Oder wie derselbe Terry Wey von den anderen bestaunt „Già l’ebro“ aus „Orlando“ singt – scheinbar unbewegt klar, rein und ganz und gar schnörkellos, kurz: wunderschön. Als zum Schluss der Trauermarsch aus „Saul“ erdröhnt, den auch die schrägsten Saxofon-, Kornett- und Hackbrett-Klänge des Instrumentalensembles „Franui“ nicht zu verfremden vermögen, steht fest, dass der über alles triumphierende Sieger des verwirrenden Abends ... Georg Friedrich Händel ist.

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