Der Reigen

Für den österreichischen Opernfreund, der regelmäßig über den im Süden gelegenen Alpe-Adria-Raum (Steiermark, Kärnten, Slowenien, Friaul, Venetien) berichtet, ist es immer anregend, wenn ihn der Weg nach Stuttgart führt, er den Aufenthalt für einen Opernbesuch nutzen und die lokalen Würdigungen der Oper Stuttgart mit seiner „Außensicht“ ergänzen bzw. diesmal sogar den ersten Bericht über diese Produktion für den „Opernfreund“ verfassen darf. Und es war auch deshalb besonders interessant, handelt es sich doch um ein Stück, das (1993 in Brüssel uraufgeführt) in Österreich bisher erst einmal zu erleben war. Der belgische Komponist Philippe Boesmans, Hauskomponist des Opernhauses La Monnaie / De Munt in der belgischen Hauptstadt Brüssel, feiert am 17. Mai seinen 80.Geburtstag - nicht zuletzt aus diesem Grunde hat Stuttgart das Werk auf den Spielplan gesetzt. Stuttgart ist eine exzellente Produktion gelungen, die Bühnenkunst mit Videokunst überzeugend verbindet. Wie oft erlebte man schon Videozuspielungen bloß als eine zeitgeistig-aufgepfropfte Zugabe, die von den auf der Bühne agierenden Figuren ablenkt. In dieser Inszenierung ist die Video-Technik zu einem essentiellen Bestandteil der Inszenierung, ja fast möchte man sagen des Werks geworden. Das Grundprinzip ist ganz einfach: die Gesichter der Akteure werden als Live-Video (Judith Konnerth) auf die Bühne projiziert. So erlebt man jede Figur gleichsam doppelt - als auf der Bühne agierenden Mensch, und synchron dazu sieht man in Großformat die Mimik. Aber auch die wenigen Requisiten, die sehr bildhaft, aber nie penetrant vordergründig eingesetzt werden, bekommen dadurch eine andere Dimension und Bedeutung. Diese Technik erfordert einen sensible Live-Kameraeinsatz - und von den Solisten eine ungeheure Konzentration, ja ein geradezu selbstverleugnendes „Sich-Einlassen“ in die Figur - beides ist in dieser Stuttgarter Produktion geradezu bravourös gelungen. Luc Bondy (Librettist und Regisseur der Uraufführung) hat nicht nur Arthur Schnitzlers Text gekürzt, sondern auch einen Text hinzugefügt, der auf dem Hohelied des Alten Testaments beruht. Dieses „Lied der ewigen Liebe“ verbindet die zehn Figuren des Reigens miteinander. Zu diesem immer wiederkehrenden terzenreichen Gesang aus dem Off und zu den Zwischenspielen der „Musik vom Zusammensein“ erscheint das zweite Video-Element: die Einspielung eines „Paars im Video“ -mit starker Expression verkörpert durch Julla von Landsberg und Michael Shapira, beide Mitglieder des Ensembles Nico-and-the-navigators . Das ist jenes Musiktheaterensemble, das die Regisseurin Nicola Hümpel gemeinsam mit ihrem Partner, dem Bühnenbildner Oliver Proske, im Jahre 1998 in Berlin gegründet hatte und das nun Kooperationspartner der Oper Stuttgart bei dieser Produktion ist. Dieses Ensemble hat unter Nicola Hümpel einen ganz eigenen Musiktheaterstil entwickelt, der inzwischen internationale Anerkennung gefunden hat und für den Nicola Hümpel im März 2016 den renommierten Konrad-Wolf-Preis der Berliner Akademie der Künste zuerkannt wurde. Nicola Hümpel hat klugerweise gar nicht versucht, die Wiener Décadence der österreichischen K. und K.-Welt des untergehenden Habsburger-Reichs von Arthur Schnitzler auf die Bühne zu bringen - dazu passt übrigens auch Boermans Musik des ausgehenden 20.Jahrhunderts gar nicht -, sondern sie zeigt die Figuren als Menschen des 21.Jahrhunderts. Da geht es nicht mehr um Standes-und Klassenunterschiede, da geht es um die immerwährenden Fragen, „wann durch Nähe Erotik entsteht, und wann durch Sex Nähe.“ Es geht um die Einsamkeit und Isoliertheit von Mann und Frau. Die Inszenierung (Kostüme: Teresa Vergho) lässt es nie an Deutlichkeit fehlen, ohne aber in platte Vereinfachungen zu verfallen - und sie vermittelt auch trefflich die distanzierte Ironie, die ein Charakteristikum von Boesmans‘ Musik mit ihren zahlreichen Zitaten und Anspielungen ist. Alle zehn Partien sind überzeugend besetzt - es ist erstaunlich und eindrucksvoll, zehn optisch und stimmlich völlig eigenständige Bühnenfiguren zu erleben, die zu einem einheitlichen Interpretationsstil zusammenfinden und damit ein schlüssiges Ganzes bilden. Man kann erahnen, welch intensive Probenarbeit da geleistet wurde. Alle zehn Solisten sind darüber hinaus erfreulich wortdeutlich - bei diesem Inszenierungsstil ist es auch durchaus legitim, nicht Wiener Schnitzler-Sprachfarben anzustreben, sondern neutral-saubere Artikulation. Der Reigen beginnt und endet mit der zierlichen und zartstimmigen Dirne von Lauryna Bendžiūnaitė, führt weiter zum Charakter-Tenor des Soldaten von Daniel Kluge und zum grobschlächtigen Stubenmädchen von Stine Marie Fischer mit dominantem Alt. Das Stubenmädchen wird dann vom unbeholfen-steifen jungen Herrn (mit hellem Tenor Sebastian Kohlhepp) überfallen, der sich dann ebenso unbeholfen an die junge Frau heranmacht. Rebecca von Lipinski ist mit klarem Sopran und kühl-distanzierter Ausstrahlung diese junge Frau, die mit ihrem Ehegatten mühsamen Ehealltag zelebriert. Shigeo Ishino ist mit markig-kräftigem Bariton der scheinheilige Ehegatte, der sich dann - fast in der Manier des Ochs von Lerchenau - mit dem Mariandl, nein mit dem Süßen Mädel im Séparée trifft. Kora Pavelić war zwar als indisponiert gemeldet, das hinderte sie aber nicht, mit gesund klingendem Mezzo eine resolute Mädchenfigur auf die Bühne zu stellen. Ein Musterbeispiel an prächtiger Bühnenpräsenz verbunden mit souveräner Stimmführung waren der Tenor-Dichter Matthias Klink und die hochdramatische Adele-Sandrock-Karikatur der Sängerin von Melanie Diener. Die Szene der gemeinsam in ein Moorbad gereisten Sängerin mit ihrem schwärmerisch-steifen Dichter ist drastisch-heiter, aber nie peinlich gestaltet - das große Kompliment gilt hier den Sängern ebenso wie der Regisseurin! Danach trifft die dominante Sängerin auf den melancholischen Graf - André Morsch mit lyrisch-versonnenen Bariton. Und der wiederum erwacht verwirrt und verloren in der letzten Szene bei der Dirne. Diese Szene ist besonders poetisch inszeniert und lässt die traurige Musik wunderbar zur Geltung kommen. Das schräg stehende Bett steht verlassen im Raum, am Ende steht der Graf auf und verlässt das einsame Schlafzimmer. „Das Leben geht weiter“, schrieb Philippe Boesmans unter die Partitur. Diese Partitur wird vom Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung des Uraufführungsdirigenten Sylvain Cambreling nicht nur präzis, sondern mit vielen Klangfarben eindrucksvoll umgesetzt. Philippe Boesmann ist mit seinem Librettisten Luc Bondy ein bühnenwirksames Werk in moderner, aber für jeden Interessierten gut aufnehmbarer Musiksprache gelungen. Insgesamt war es ein großartig-geschlossener Abend, der trotz einer Dauer von über drei Stunden nie an Spannung verlor - schade, dass das Haus kaum halb ausgelastet war, obwohl alle Kritiken der Premiere überaus positiv waren - eigentlich sollten die Stuttgarter diese Aufführung stürmen! Das Publikum, das gekommen war, dankte mit intensivem Beifall allen Ausführenden. Noch eine nachdenkliche Anmerkung: War es ein Bestandteil der Inszenierung, dass sich zum Schlussbeifall die Solisten getrennt nach Frauen und Männern präsentierten?? Konnten die Frauen und Männer nach diesem Reigen der isolierten und vereinsamten Persönlichkeiten, nach all den Lebenslügen und Verkrampfungen nicht mehr zusammen finden??

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