Der Sex der Anderen

Stinkbomben, zertrümmerte Kronleuchter und der Sturm auf das Theater - das war 1921 bei einer Reigen - Aufführung in Wien. „Ein Stück aus dem Freudenhaus!“ hatte die „Reichspost“ nach der österreichischen Erstaufführung von Arthur Schnitzlers Theaterstück geschimpft und drohte gegen weitere Aufführungen Gewalt an. So kam es dann auch. Schon damals war die Verteidigung des christlichen Abendlands das Programm - jedoch galt hier der Widerstand einem „Schmutzstück aus jüdischer Feder“. Arthur Schnitzler hatte mit seinen zehn erotischen Dialogen der Doppelmoral im altösterreichischen Fin de Siècle so erfolgreich den Spiegel vorgehalten, dass allenthalben nach Zensur gerufen wurde. Schließlich verbot der entnervte Autor selbst weitere Aufführungen, zu denen es erst wieder sechzig Jahre später kommen durfte. Vermuten könnte man angesichts solchen Trubels recht deftige Sexszenen. Aber stattdessen blendet der Text dieser zehn Rendezvous deren eigentliche Ziel- und Höhepunkte aus und zeigt jeweils nur die dialogischen Vor- und Nachspiele. Wo bei Schnitzler nur wenige Gedankenstriche das Eigentliche andeuten, gibt es in der Oper des belgischen Komponisten Philippe Boesmans orchestrale Zwischenspiele, als ironische Kommentare zur vermuteten erotischen Qualität der jeweiligen Situation. Das reicht vom Grobianismus im Stile Strawinskis oder einigermaßen chaotischen Eruptionen eines Richard Strauss über die süßliche Sentimentalität eines Streichquartetts bis hin zum melancholischen Blues mit seufzendem Saxophon. Das Libretto des Regisseurs Luc Bondy belässt es bei der originalen Dramaturgie, stutzt allerdings den Text erheblich zurück und so kommt die bitter ironische Doppelbödigkeit der Schnitzlerschen Sprache nur in geringem Maße zum Tragen, zumal auch die Finessen des Wiener Jargons auf der Strecke bleiben. Bild zum Vergrößern Verkehrshindernisse nicht ausgeschlossen: Rebecca von Lipinski (Die junge Frau) und Sebastian Kohlhepp (Der junge Herr) Clever gleicht allerdings die Inszenierung wieder einiges aus. Sie setzt auf genaue Charakterisierung der jeweiligen Paare, was die Sängerdarstellerinnen und -darsteller mit viel Geschick, Spielwitz und einer gehörigen Portion Augenzwinkern in Szene setzen. Glänzende Psychogramme gelingen da: die berechnend lockende Dirne, der derb zur Sache kommende Soldat, das ängstlich verhuschte Stubenmädel, der pubertär unbeholfene junge Herr, die aufgedreht trippelnde Ehefrau, der verklemmt geile Ehemann, das naiv tuende, aber durchaus durchtriebene süße Mädel, der hemmungslos narzisstische Dichter, der von Leben und der Liebe gelangweilte Graf und als Höhepunkt in diesem neurotischen Liebesreigen eine vollkommen überdrehte Sängerin, in die sich hier in der Oper passenderweise die Schauspielerin aus dem Original verwandelt hat. An der Liebe schlittern alle vorbei, die Erotik versickert zumeist in banalen Spielchen. Das Publikum erlebt zehn Anleitungen zum Unglücklichsein, aber ein Skandal ist heute so fern wie die Venus. Doch das Thema ist eine alte Geschichte und bleibt doch immer neu. Manche(r) mag darüber betrübt sein, manche(r) eher belustigt. Von Schnitzlers spitzer Kritik an den falschen Rollenbildern seiner Zeit ist nach fast 100 Jahren nur noch ein Jux über das Misslingen großer Hoffnungen geblieben. Das aber unterhaltsam zu inszenieren, ist Nicola Hümpel in der neuesten Stuttgarter Produktion gelungen. Sie hat die Liebeshindernisse moderner Menschen spitz aufs Korn genommen. Da macht man nach schnellem Sex rasch noch ein Selfie, wenn nicht überhaupt gleich nur per Chat kommuniziert wird. Romantik der Liebe - hier Fehlanzeige. Da wird im Bett hin- und hergekullert bis hin zur unfreiwilligen Kissenschlacht. Und wenn die Sängerin den Dichter in den Pool zieht, hat das nichts von Undine-Verzauberung an sich. Das ist alles nur sehr ironisch, nie hämisch, allerdings oft nicht sehr dezent, denn ob Spritzpistole, Knackwürstchen oder Blütenstängel, die Schnitzlerschen Leerstellen werden hier mit eindeutig zweideutigen Symbolen gefüllt. Per Videoeinblendung vergrößert lassen sich die verdutzten Minen der Akteure genau studieren und zum Kontrast wird zwischendurch ein Paar gezeigt, das sich seinen Zärtlichkeiten offensichtlich ganz glücklich hingibt. Bild zum Vergrößern Kommentar überflüssig: Das Stubenmädchen (Stine Marie Fischer) und der Gatte (Shigeo Ishino) Zehn Dialoge heißt auch zehn Szenen im fliegenden Wechsel. Und das ist glänzend gelöst mit der Drehbühne, wobei das wechselnde Mobiliar jeweils in passgenauen Aussparungen in den Seitenwänden verschwindet. Ein Schelm, der das als Anspielung versteht. Zu schmunzeln gibt es also genug, was auch für die treffenden Kostüme gilt. Nicht zuletzt aber ist es das großartige Ensemble, das hier auch zum musikalisch glücklichen Gelingen beiträgt. Gesungen wird durchweg großartig, aber ganz besonders soll Melanie Diener hervorgehoben werden, der in der Rolle der Sängerin natürlich vom Komponisten eine Arie barocken Ausmaßes zugedacht ist, die die Sängerin hier als hysterisches Telefonat mit einem untreuen Verehrer zu einer ganz großen Eifersuchts-Nummer ausbaut. Sylvain Cambreling, der die Oper bereits 1993 in Brüssel aus der Taufe gehoben hatte, reizt aus der insgesamt etwas eklektischen Partitur die Details mit Wonne heraus, unterstützt von den bestens disponierten Instrumentalisten des Staatsorchesters, die auch en detail mit kräftiger Ironie zu Werke gehen, wie die jämmerlich jaulende Trompete als eine Art Leitmotiv des nur mäßig potenten Grafen. FAZIT Die provokante Schärfe des Originals lässt Boesmans Oper kaum mehr erkennen. Die Stuttgarter Inszenierung setzt dagegen mit drastischer Komik auf ihren Unterhaltungswert. Gemütlich zurückgelehnt konnte sich dann auch das Premierenpublikum an den Sexspielchen der Anderen vergnügen.

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