Deutsche Oper Berlin: „Mahlermania“

Unter festlichem Vorantritt von Friede Springer, im Gefolge von Staatssekretären und der Senatsbaudirektorin ist die Eröffnung der Tischlerei der Deutschen Oper zweifellos: eine große Sache. Und der Saal ist auch groß. Eingang von der Zillestraße, mit eigenen Garderoben, eigener Bar. In dieses Fabrikrefugium gehen locker 350 Menschen. Nicht kleiner, sondern größer als die Sophiensaele. Aus welcher Richtung man sich ja auch zur Eröffnung "Nico and the Navigators" gelockt hat. Die angesagte Off-Truppe um die Lübecker Choreografin Nicola Hümpel arbeitet erstmals an einem staatlichen Haus. Ein Coup. Angeblich sind alle Vorstellungen so gut wie ausverkauft. (Kunststück, denn es gibt überhaupt nur drei davon in diesem Jahr!) Eine würdige Eröffnungsproduktion? Wir haben's mit Tanztheater in der Nachfolge von Pina Bausch, Reinhild Hoffmann etc. zu tun. Eine dramatische Aneignung also von Gustav und Alma Mahler durch drei Tänzer, zwei Schauspieler und zwei Sänger der Deutschen Oper. Eine Orchesterabordnung des Hauses mit 16 Musikern knuspert sich durch 16 Mahler-Titel. Will man das Ergebnis zusammenfassen, so lässt sich sagen: Der Abend ist besinnlich, beschaulich, will niemandem zu nahe treten und nichts behaupten. Es wird einem nicht klar, was er überhaupt will. Alma ist die pelzbewährte, champagnerspritzende, ganztägig madamige und fragwürdige Figur, die sie vielleicht war. Die geborene Großtante mit erhöhtem Männerverschleiß. Weshalb sie ein solches Faszinosum war für Mahler, Zemlinsky, Kokoschka, Gropius und Werfel, versteht man auch hier nicht. Dagegen wird Gustav Mahler als partiturschleudernd labiler, romantischer Künstlertypus gezeichnet, der er nicht war. Auf zweigeschossiger Bühne ist ein ganzes Toblacher Komponierhäuschen aufgebaut (mit Steg zum See). Aber Mahler war kein traumverloren weltfremder Provinzler. Sondern ein Wiener Theaterdirektor; ein berufstüchtig robuster Mann, wenn auch gewiss voller Empfindlichkeiten und mit dem Bedürfnis nach pünktlich eingelassenem Badewasser. Folgt: Wir sehen Klischees – und falsche Klischees. Der Reiz des Abends Vier Symphonieausschnitte (einschließlich des berühmten Adagietto aus der Fünften) sowie 12 Orchester-Lieder wurden von Anne Champert sehr gut arrangiert für die Größe einer Kreuzfahrt-Combo. Dass der Kurkapellen-Kern Mahlers freigelegt wird, macht den eigentlichen Reiz des Abends aus. Da von Mahlers Œuvre 85 Prozent gut bekannt und gut gepflegt ist, kommt man aus einer Hit-Parade gewiss nicht heraus. Es singen Simon Pauly und – vorzüglich! – Katarina Bradic mit erdig glutendem Mezzo. Sie ist die Beste hier! Wir wollen in Rechnung stellen, dass man erst vier Tage vor der Premiere überhaupt auf die Bühne konnte (weil's vorher Baustelle war). Trotzdem besteht die Enttäuschung des Abends darin, dass tänzerisch zu wenig geboten und zu wenig erzählt wird. Das schnurrt zu episodenhaft gymnastisch nacheinander ab. Die vielen Standwaagen, Armbeugen und Boxübungen! Da vertieft und verbrieft sich nichts. Wenn ich böse sein wollte, müsste ich sagen: Es sieht aus, als wenn Sasha Waltz ein Aerobic-Programm auf QVC vorstellt. Ich will aber nicht böse sein. Und beschränke mich darauf zu sagen, dass wir auf diese Weise Mahler, dem Wackermann und beherrschendsten Symphoniker der Gegenwart, nicht auf die Spur kommen. Manisch genug ist "Mahlermania" auch nicht.

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