„Die Befristeten“ von Detlev Glanert uraufgeführt

Detlev Glanerts Opern-Erstling "Leyla und Medjnun" eröffnete 1988 die erste Münchner Biennale. Nun hat er sich an ein Stück von Canetti herangewagt, in dem die Figuren alle voneinander wissen, in welchem Alter sie sterben werden. Die karge Drehbühne bietet dafür den passenden Rahmen, man kann sich auf dem Karussell treiben lassen, mal ein paar Schritte entgegenlaufen oder auf eine Mauer klettern, die auch gleichzeitig Trennwand und Höhle sein kann. Normaler Alltag eben, mal witzig, mal öd. Das vermeintliche Lebensgeheimnis trägt jeder in einer Kapsel mit sich. Und die kann nur einer öffnen, der so genannte Kapselan. Das birgt dann doch Konfliktpotential. Irgendwann, so die Botschaft, entstehen in jeder noch so festgefahrenen Gesellschaft Zweifel am System. Irgendwann findet man hier also klar: In den Kapseln ist gar nichts drin - Verwirrung vorprogrammiert. Poetry Slam-Einlagen Aber es stellt sich heraus, dass die Menschen mit ihrer neu gewonnen Freiheit und also Ungewissheit erst recht nicht leben können und letztlich daran zugrunde gehen. Regisseurin Nicola Hümpel nimmt das Gedankengut von Canetti als Parabel gerade für das Computerzeitalter im Hier und Jetzt mit all seiner technischen Optimierung zur Entschlüsselung des menschlichen Gens, dem Drang und Wahn, ständig perfekt organisiert zu sein. So mischen sich in den Text immer wieder Querverweise mit Heute-Bezug und Poetry Slam-Einlagen als Beschreiung für den ganz normalen Online-Wahnsinn. Das könnte man fast als Art Koloraturarie bezeichnen, wäre denn Musik dabei gewesen. Ein modernes Melodram Aber genau das wollte das Team nicht und bat den Komponisten um einzelne Themen und Motive als Spielball während der Dialoge oder als Art Miniatur-Zwischenspiele. Heraus kam ein modernes Melodram, für das Glanert Musik fand, die auf das Geschehen reagiert und sich daraus entwickelt; bis zu den letzten Proben und vermutlich selbst während der Aufführung. Da wird also mal mit Geräuschen assoziiert, mal karikiert, dann wieder romantisiert. Das ist alles durchaus plausibel und macht auch Laune, solange es den Rahmen nicht überstrapaziert. Leider dauert die Phase vor der Enthüllung viel zu lange, irgendwann wird das Prinzip zu einer fahlen Wiederholung seiner selbst und langatmig. Übernahme ins Resi-Repertoire Das Kammerensemble "piano possibile" unter Heinz Friedel ist ein perfekter Mitstreiter, ungemein vielseitig, hellwach und improvisationsfreudig. Zusammen mit den allesamt famosen Schauspielern mit teilweise beeindruckender sportlicher Leistung gelingen manch bleibende Theatermomente. Das Stück wird ja als Coproduktion ins Repertoire des Residenztheaters übernommen. Wenn sich die Macher treu bleiben und es als "work in progress" sehen, das sich in den Proben erst entwickelt, dann darf man ruhig hier und da noch ein wenig straffen. Dann könnten "Die Befristeten" durchaus insgesamt bleibenden Eindruck hinterlassen.

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