Ein bravouröser „Reigen“ von Philippe Boesmans – Premiere im Stuttgarter Opernhaus Gefühlsarmut im Liebeskarussell

Stuttgart. Die ersten Minuten der Aufführungen gehören dem Video und den Porträts der Protagonisten. Es ist noch kein Ton der Musik von Philippe Boesmans „Reigen“ erklungen, doch der Zuschauer hat schon die Porträts der Liebe-Spieler in Großaufnahme im Auge, und jetzt marschieren sie in Reih und Glied auf die wie zwischen Buchdeckeln aufgeklappte Bühne von Oliver Proske: Dirne, Soldat, Stubenmädchen, Junger Herr, Junge Frau, der Gatte, das süße Mädel, der Dichter, die Sängerin, der Graf. Es sind die Figuren aus Arthur Schnitzlers zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien verfassten, gleichnamigen Theaterstücks, das von Luc Bondy für die Brüsseler Uraufführung von Boesmans „Reigen“ 1993 zu einem Libretto verdichtet hat. Damals war Sylvain Cambreling der Dirigent im Théâter de la Monnaie, und jetzt leitet der Generalmusikdirektor der Staatsoper auch die Stuttgarter Premiere, zusammen mit dem Berliner Regiekollektiv Nico and the Navigators. Wesentliches Element, neben der detailreich präzisen Schauspielregie von Nicola Hümpel, ist dabei die Video-Dramaturgie Judith Konnerths, welche die Figuren in jedem Augenblick ihrer Bühnenexistenz übergroß abbildet. Gelungenes Gleichgewicht Zumeist sind das Spiel auf der Bühne, die mit Livekameras aus verschiedenen Blickwinkeln eingefangene Mimik und Gestik der Sänger sowie die vom Staatsorchester opulent musizierten Boesmans-Partitur in einem eindrucksvoll gelungenen Gleichgewicht. Die ersten Szenen des erotisch verklemmten und verklammerten Reigens spielen auf der kahlen, nach hinten dunkel düsteren Bühne: Bei einer Dirne (Lauryna Bendziunaite) bedient sich ein Soldat (Daniel Kluge), der trifft auf das tanzlustige Stubenmädchen (Stine Marie Fischer), bei deren Annäherungen Boesmans von den Stimmen eines unsichtbare Liebespaares Worte des „Hohelieds Salomos“ aus dem alten Testament zitieren lässt. Der Kälte und Gefühlsarmut des One-Night-Stands widerspricht dieser betörend lyrische Hintergrund. Die mehrschichtige Musik lässt offen, wie viel Sehnsucht sich hinter dem gleichgültigen Sexvollzug verbirgt. Wie im Schauspiel von Schnitzler, so gibt es in den zehn Szenen des „Reigen“ von Boesmans jeweils ein Vorher und ein Danach: Der koitale Akt wird nicht gezeigt, doch die Musik schildert ihn im teils heftig bewegten, teils ironisch kommentierenden Ohrenkino. In den späteren Szenen zwischen Dichter und Sängerin, Sängerin und Graf reagiert sie parodistisch mit gestopfter Wa-Wa-Posaune. Sängerisch und darstellerisch sind die zehn Rollen des Stuttgarter „Reigen“ hervorragend besetzt. Sebastian Kohlhepps Junger Herr, ein kurzhosiger Romantiker und Zappelphilipp, schwärmt von der Liebe, aber erledigt seinen Sex mit dem Stubenmädchen so schlagartig wie den Kampf mit der Mücke, die auch in den Streichern herumsurrt. Pas de deux im Ehebett Wenig Zeit hat auch Rebecca von Lipinskis tippelnde junge Ehefrau beim Rendezvous mit ihm im gekachelten Hotelzimmer, wo die beiden sich ein etwas peinliches Gerangel auf dem Sofa liefern, aber Lipinski immerhin ihre Standahal-Lektüre „Über die Liebe“ mit nach Hause nimmt. Dort kommt es mit Shigeo Ishino im Pyjama zu einem köstlich gelangweilten Pas de deux im Ehebett, wo er die „Heiligkeit, Reinheit und Wahrheit“ ihrer Beziehung hochhält, bevor er nach der Pause das süße Mädel vernascht. Raffiniert wechseln auf der Drehbühne von Szene für Szene zwischen holzschnittartig ausgesägten Wänden die Interieurs: Sie werden herein- und hinausgefahren mit den Figuren, die im Kontakt miteinander zu so skurrilen und trostlosen Paarungen werden wie Matthias Klinks affenartig bewegter Dichter und das wüst grimassierende Mädel (Kora Pavelic) im geskypten Cyber-Sex. Oder Klinks Eitelkeitsorgie mit der grandiosen Melanie Diener als Sängerin und „Salome“-Zitat in der Schlammbadewanne. Während jeder der zehn gescheiterten Kontaktaufnahmen wird ein versonnen verzückt tanzendes Paar (Julla von Landsberg, Michael Shapira) auf der Videoleinwand in Schwarz-Weiß eingeblendet – ein Gegenbild zu den „Reigen“-Paarungen, das immer wieder von den zarten und leidenschaftlichen Zwischentönen von Boesmans’ orchestralen Zwischenspielen bestätigt wird. Am Schluss jedoch liegt André Mosch als Graf nach einer bekifften Nacht mit der Dirne vom Anfang erschöpft auf einem grauen, wie ein Sarg schräg in die Bühne platzierten Schaumstoffpodest. Auch die von Sylvain Cambreling bis zum Stillstand der Langsamkeit gedehnte Musik hat sich erschöpft. „Nichts als ein Rausch – nicht einmal ein Rausch“: Der Kreis des „Reigens“ hat sich geschlossen. Starker Beifall im Opernhaus.

<< Zurück zur Presseübersicht

Ticket-Benachrichtigung

Tickets für diesen Termin sind noch nicht erhältlich. Hinterlassen Sie Ihre E-Mail-Adresse, um benachrichtigt zu werden, wenn Tickets verfügbar sind.

Unbenannt-2