Ein spiritueller Ort für Frauen

Das neue Education-Programm: Regisseurin Nicola Hümpel bringt mit Kirill Petrenko eine kleine Puccini-Oper auf die Bühne der Philharmonie Nicola Hümpel ist die Regisseurin, die das Operndrama „Suor Angelica“ von Giacomo Puccini in der Philharmonie auf die Bühne bringt. Es ist das erste Education-Programm in der Ära von Kirill Petrenko und findet am Wochenende statt. Der neue Chefdirigent steht am Pult und leitet die Stipendiaten der Karajan-Akademie seiner Philharmoniker. Den Namen von Nicola Hümpel werden viele vor allem als Kurzform kennen: „Nico and the Navigators“ heißt ihr freies Berliner Theaterensemble, das sie mit ihrem Lebenspartner Oliver Proske 1998 am Bauhaus Dessau gegründet hat und das heute im Umfeld des Radialsystems ein Zuhause hat. „Wir sind seit 24 Jahren ein Paar“, sagt Nicola Hümpel, „und werden in der Zusammenarbeit immer noch besser. Oli hat seit 22 Jahren alle Bühnen entworfen.“ Das gilt jetzt auch für die Philharmonie. Sieben Navigators sind darstellerisch mit von der Partie. In Berlin eröffnete die Truppe mit „Mahlermania“ 2012 an der Deutschen Oper die „Tischlerei“. 2019 hatte das Projekt „Niemand stirbt in der Mitte seines Lebens“ am Konzerthaus Premiere. Über Improvisation werden die Szenen gemeinsam entwickelt Im Programm wird Nicola Hümpel als Regisseurin bezeichnet. Das sei sie inzwischen auch, sagt die 52-Jährige. „Ich habe mich jahrelang künstlerische Leitung genannt und bin auch immer noch der Meinung, dass wir den Namen Nico and the Navigators tragen, weil sich jeder im Kollektiv selbst navigiert. Das ist an Opernhäusern wie jetzt in Hannover, wo ich den ,Barbier von Sevilla’ inszeniert habe, natürlich für die Leute erst einmal ungewöhnlich.“ Sie bietet den Darstellern Spielmaterial an, das können sie nehmen oder nicht. „Mein Prinzip ist es, über Improvisation in einem starken Dialog die Szenen gemeinsam zu entwickeln. Nichts, was man auf der Bühne sieht, ist am Schreibtisch entstanden.“ Kirill Petrenko war auf die Regisseurin durch eine Kritik über die Navigators in einem Opernmagazin aufmerksam geworden. „Wir hatten zwei sehr intensive Treffen. Es gibt ein ähnliches Gefühl zu dieser Oper, was die Beklemmung in dem Stück betrifft. Es ist wie ein sich im Laufe des Abends verengender Tunnel, der immer düsterer und abgründiger wird. Irgendwann fiel im Gespräch auch der Titel von ,Einer flog über das Kuckucksnest‘. Es herrscht eine psychopathische Atmosphäre.“ Die Regisseurin hatte ihm vorgeschlagen, „die Nonnen zu stärkeren Individuen zu machen und tief in ihre Seelen und fokussiert in die Abgründe der Einzelfiguren zu blicken. Das fand er toll, weil er die Genauigkeit der Figuren in der Musik liebt, und auch die Vielschichtigkeit dahinter.“ Nonnen wird man auf der Bühne in der Philharmonie aber nicht zu Gesicht bekommen. „Für mich war es erst einmal ein Schock, als die Anfrage kam. Ich dachte, einerseits möchte man frisches junges Musiktheater machen, andererseits wählt man diesen katholischen Stoff? Dann habe ich mich mit dem Stück auseinandergesetzt und fand es auf einmal sehr faszinierend.“ Zum Team gehören Frauen aus 14 Nationen Reizvoll fand die Regisseurin etwa, dass es sich bei Puccinis „Suor Angelica“ um ein reines Frauenstück handelt, was man in der Oper so eher nicht kennt. „Zudem ist es eine Geschichte über ein illegitimes Kind, was heute hoch aktuell ist. Weltweit sind Mütter aufgrund von Flucht, Vertreibung, Krieg oder Klimakatastrophe von ihren Kindern getrennt.“ In dem Stück gehe es um eine Marien-ähnliche Mutterliebe und überhaupt nicht um erotische Liebe, sagt die Regisseurin: „Wir haben versucht, uns unter Frauen auszutauschen. Zum Team gehören jetzt Frauen aus 14 Nationen. Das entfachte spannende Diskurse jenseits von Puccini.“ Schnell wurde den Machern klar, dass die Opernhandlung in ein anderes Umfeld verlegt werden muss. „Es spielt nicht im Kloster, sondern an einem heutigen spirituellen Ort, in einem Retreat Center, in dem sich Frauen treffen, um Meditationsübungen zu machen – um von etwas zu genesen oder ihr Leben zu verbessern.“ Aus Urheberrechtsgründen ist es fast unmöglich, Puccini-Opern zu aktualisieren. Darüber wacht der italienische Verlag Ricordi. „Man kann das Libretto nicht verändern, keine Interventionen einbauen“, sagt Nicola Hümpel. „An einer Stelle haben wir uns einen minimalen Eingriff erlaubt, der auch bewilligt wurde. Es ist ein sehr kurzer biografischer Beitrag einer Frau, die ihre Erfahrung mit einem obdachlosen Kind beschreibt.“ Und es gibt einen Prolog. Das Auffälligste an dieser Produktion wird sicherlich die große Leinwand sein. „Es ist ein reines Videoprojekt, also das, was viele Opernleute hassen“, sagt die Regisseurin: „Ich habe es selber auch lange Zeit getan, weil Video auf der Bühne oft effekthascherisch eingesetzt wird.“ Die Kompagnie-Chefin ist aber geradezu stolz auf die neue, zum fünften Mal verwendete Methode der Navigators. „Wir drehen praktisch einen Livefilm, der in dem Moment der Bühnenhandlung beginnt. Bei uns sieht man jede Träne im Auge, jeden Zweifel, jeden Widerspruch. Es wurde im Vorfeld genau entschieden, auf wen der Fokus gerichtet wird.“ Der Besucher kann sich die Handlung aber auch real anschauen. „Wenn man Videotechnik schlau einsetzt“, glaubt Nicola Hümpel, „kann sie das Opernglas des 21. Jahrhunderts sein.“

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