Gewähre mir das Paradies!

Vorbericht RADIALSYSTEM V Nico and the Navigators entführen in ihrer Inszenierung von Rossinis „Petite messe solennelle“ in die Welt eines religiösen Zweiflers Haben Nico and the Navigators nun zu Gott gefunden? Wenn nicht, dann doch zumindest zur Liturgie. „Petite messe solennelle“ heißt das fromme Werk, das der große Gioachino Rossini im eigenen Lebensherbst, 34 Jahre nach seiner letzten Oper, zu Ehren des Herrn komponierte. Wobei er dem Höchsten gleich noch den bußfertig-fordernden Anruf hinterherschickte: „Sei also gepriesen und gewähre mir das Paradies!“ Von diesem feinen Schalk, dem Changieren zwischen Hintersinn und Hingabe, Witz und Weihrauch, sei die gesamte Messe durchdrungen, findet Navigators-Mastermind Nicola Hümpel. Ein Beispiel? Das Domini Deus. Sie kann das am besten in Bildern beschreiben. Da vermittle die Musik das Gefühl, Rossini gehe vor Ehrfurcht in die Knie, da sähe man das Pantheon offen vor sich in aller strahlenden Heiligkeit. Und im nächsten Moment schon wirke es, als krieche der Italiener wie ein kleines Kind um eine Säule herum und lache sich kaputt. Ein katholischer Ritus also, mit dem immer wieder die Opera buffa durchgeht. Zwischen ihnen und Rossini, das bestätigen Regisseurin Hümpel und Bühnenbildner Oliver Proske übereinstimmend, sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Die „Petite messe“ der Navigators hatte beim Kunstfest Weimar von Nike Wagner Premiere, aufgeführt wurde sie im Theater Erfurt – mit hymnischer Resonanz. Solche Koproduktionen mit einem Festival und einem etablierten Haus sind zunehmend ein gangbarer Weg für die freie Gruppe, ihre Produktionen zu stemmen, die vom spielerischen Bildertheater immer mehr ins opernhaft Überbordende gewachsen sind. Zuletzt etwa mit dem berauschenden Händel-Pasticcio „Anaesthesia“. Rossinis Gottesfeier zwischen Kyrie und Sanctum szenisch zu beleben, das bedeutete noch einmal eine besondere Herausforderung im Musikalien-Kosmos der poetischen Gesamtkunstwerker. Im beinahe zweijährigen Castingprozess wurden für die zwölf Chorstimmen hochkarätige Sänger gefunden, die bereit und fähig waren, sich auf die körperbetonte Improvisationsarbeit Hümpels einzulassen. Denen sie vermitteln konnte, „dass es dankbarer ist, im Körper zu singen und dafür vielleicht mal einen Ton zu verschlucken, als prätentiös perfekt zu sein.“ Es habe dabei blindes Einvernehmen mit dem musikalischen Leiter Nicholas Jenkins bestanden, schwärmt die Regisseurin, der Brite sei eine Mischung aus „Karajan, Snoopy und Mick Jagger“ – und einfach ein heißer Typ auf der Bühne. Voller Einsatz ist bei dieser Messe von allen verlangt. In einem Bild mit Himmelsbogen und beweglichen Teilen, das Proske als „sakralen Raum, der keine Kirche ist“ beschreibt. Monatelang hat der mathematisch versierte Tüftler dafür am Rechner die perfekte Akustik ausgeklügelt. Kein Normalsterblicher sieht diesen Aufwand, aber er spricht eben für die staunenswerte Detailliebe der Navigators. Natürlich, sagt Nicola Hümpel, gehe es dabei um Glaubensfragen: welche Rolle spielt Religion heute, welche Ersatzrituale schafft sich der Mensch, der nach Höherem strebt als dem bloßen Lebenszeitverwalten? Als Archetypen, die entgegengesetzte Pole der Betrachtung verkörpern, streiten darüber eine Wissenschaftler-Philosophen-Figur und einer, der den Priester, den Spirituellen mimt. Aber die eingestreuten Dialoge und Diskurse bleiben subtile Andeutung. Es geht den Navigators – trotz einiger platzierter Spitzen – auch nicht um eine Katholizismus-Schelte. Überhaupt betont Hümpel: „Die Musik ist so dominant und tragend, dass alles inhaltlich Dazwischengeschobene schnell zuviel wird.“ Die Situationen entwickelten sich ganz aus der Komposition. Und jede Art von Regietheater hätte dieses Stück kaputt gemacht. Hümpel bezeichnet sich selbst, darin mutmaßlich Rossini verwandt, als Agnostikerin. Hilfestellung bei der Sinnsuche ist von ihrer „Petite messe“ nicht zu erwarten. „Wir enden den Abend“, so das Versprechen, „mit einem großen Fragezeichen“.

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