Händel als Travestie

Nico and the Navigators spielen "Anaesthesia" im Radialsystem Üppig inszenierte Lebensfreude und das Wissen um die Vergänglichkeit alles Irdischen - das sind die Pole, aus denen sich das barocke Lebensgefühl speist. Auf der Bühne werden sie meist über streng kategorisierte, einstudierte Affekte dargestellt. Davon lebt heute die ironische Annäherung an die barocke Oper. Insofern ist es nicht besonders originell, wenn einem sich kunstfertig spreizenden Sänger seine Koloraturen scheinbar erst durch erotisches Gekitzel entlockt werden. Zum Glück sind solche simplen Scherze in der als Händel-Pasticcio annoncierten Produktion, die bis zum 7. November im Radialsystem gezeigt wird, eher selten. Zu lachen allerdings gibt es auch sonst nicht viel, obwohl einen ständig das Gefühl bedrängt, dass das alles eigentlich ganz witzig sein will. Die Theatergruppe Nico and the Navigators hat mit den Musikern von Franui zum 250. Todestag Georg Friedrich Händels ein Patchwork aus dessen Arien, Duetten, Chören und Instrumentalsätzen zusammengenäht (Konzept und Regie: Nicola Hümpel). Wobei fast alles ausschnitthaft verkürzt wird. Die Bezeichnung Pasticcio führt aber auch deshalb ein wenig in die Irre, weil dieses bei allem Flickwerk doch den Regeln einer Handlung folgt. Hier handelt es sich eher um eine Revue, vielleicht so etwas wie eine ironische Paraphrase der Pasticcio-Praxis der Händel-Zeit. Verstaubte Taschentücher Der große Bogen, der sich über die knapp zwei Stunden spannt, ist durch das Motto der Anfangsszene benannt. Zwei Darsteller tragen eine Statue auf die Bühne, deren schönen Oberkörper jene Inschrift ziert, die ihren Träger als den Tod kenntlich macht: Et in arcadia ego. Auch Arkadien, das Land idyllischer Schäferstündchen, ist kein Reich ewig währender Schönheit, Freude und Liebeslust, auch hier herrscht am Ende der Tod. Eine Mahnung, die naturgemäß bei den Lust und Liebe Suchenden nicht immer sehr viel auszurichten vermag. Aber es kommt, wie es kommen muss, am Ende liegen fast alle tot auf der leeren Bühne herum. Von teuren echten Blumen Abstand zu nehmen, bittet der Conferencier, dessen Texte die Funktion der Rezitative übernehmen, und jemand verteilt an die Hinterbliebenen verstaubte Taschentücher. Aus den längst getrockneten Tränen zu "Mourn, all ye muses" aus "Acis und Galathea" wird ein furchtbares Niesen, das die Posaunen kraftvoll untermalen. So, wie die Statue sich in späteren Szenen belebt und unter die übrigen Akteure mischt, so erscheint auch in anderen Situationen als immer wiederkehrendes Thema das Verhältnis von repräsentativer Pose, die einen Gedanken oder Affekt verdeutlicht, und dem realen Ich, das mit seinen Leidenschaften kommunizieren will. "You want to look sad?" fragt einer den anderen und erteilt ihm eine Lektion in Körpersprache. Das ist noch eine der spaßigeren Sequenzen unter denen, deren etüdenhafter Charakter ihre Herkunft aus der Praxis schauspielerischer Improvisationsübungen mitunter nervig ausstellt. Zwischen Purzelbäumen, Radschlagen, Umeinanderkrabbeln und Fingerspielen breitet sich immer wieder Leere aus, ein Suchen nach neuen Ansätzen, die eigenen kleinen Geschichten mit den Riesendramen und -gestalten der Opern zu verbinden. Man trifft sich, beriecht sich, ohrfeigt und bespringt sich, in Schafsfelle gehüllt, zu einem Marsch aus der Heldenoper "Rinaldo". So etwas wie Opulenz und Leidenschaft geht eher von der Musik aus, deren Interpreten hinter einem Vorhang sitzen und wie hübsche Scherenschnitte auf ihm abgebildet werden. Aber bei Händels Musik entsteht im typischen schräg alpenländischen Sound von Franui mit Hackbrett, Tuba, kernigen Bläsern und verlorenen Violinklängen nicht etwas derart bedeutungsvoll Neues wie etwa in den verstörend rührenden Schubert-Bearbeitungen, es bleibt einfach ein travestierter Händel, zwischen Original, Blasmusik und Jazz, eigentlich nur eine schnell sich abnutzende Masche.

<< Zurück zur Presseübersicht

Ticket-Benachrichtigung

Tickets für diesen Termin sind noch nicht erhältlich. Hinterlassen Sie Ihre E-Mail-Adresse, um benachrichtigt zu werden, wenn Tickets verfügbar sind.

Unbenannt-2