In die Seele geblickt

Interdiszplinär: Das Ensemble Nico and the Navigators bringt Franz Schubert auf die Bühne. Interdisziplinär geht es zu bei Nico and the Navigators. So stehen im Stück „Silent Sings into the wild“ nicht nur Instrumentalmusik und Gesang im Vordergrund, sondern auch Bewegung und Tanz. Solchermaßen widmet sich das Ensemble den Kompositionen von Franz Schubert, wobei klassische Konstellationen leicht aufgebrochen und neu weitergedacht werden, ohne den Seelenkern des Originalswerks zu verraten. „Es geht um Abschied und Heimat, um die Einsamkeit und Suche nach Geborgenheit. Das sind Themen, die in den alten Zyklen von Schubert präsent sind – und aus denen wir einen komplett eigenen Zyklus erstellen“, erzählt Nicola Hümpel. Gemeinsam mit Oliver Proske gründete sie 1998 am Bauhaus Dessau das Ensemble Nico and the Navigators. Seitdem ist sie bei allen Produktionen für Konzept und Regie verantwortlich. Wichtig ist Hümpel, einen zeitgenössischen Bezug herzustellen – etwas zu den massiven Völkerwanderungen unserer Zeit: „Die Menschen sollen verstehen, wie aktuell Schuberts Werke auch heute noch sind.“ Als Künstlerische Leiterin setzte sie dafür auf eine zeitgenössische Ästhetik. Musiker und Tänzer erscheinen ebenso auf der Bühne, wie man sie auch auf der Straße treffen könnte. Hümpels großes Ziel ist es, Musik in das Hier und Jetzt zu transportieren. „Wir schauen nicht in das Archiv und fragen: Wie hätte das damals geklungen, sondern versuchen es individuell hier und heute zu erleben und in die Gegenwart zu holen. Ohne die Gesangslinie zu verändern, wird dazu beispielsweise eine E-Gitarre ergänzt“, sagt Hümpel. Im Stück spielt auch die gesprochene Sprache eine Rolle. Die Akteure singen die Lieder Schubert als wären es die eigenen Biografien. Dazu bereichern sie diese um eigene Geschichten, die von ihrer Kultur und Herkunft berichten. Stoff dafür gibt es genug, schließlich stammen Musiker, Sänger und Tänzer aus sieben verschiedenen Nationen. Einige wissen, wie es ist, in der Fremde Fuß zu fassen zum Beispiel die Sängerin Sarah Laulan, die einst mit ihren Eltern aus Algerien fliehen musste. Wenn sie singt, geht das unter die Haut. Um diese persönlichen Geschichten der Akteure einzubauen, bewegt sich Hümpel ganz nah an ihren Sängern, arbeitet sehr genau mit ihnen. „Ich beobachte, wohin sie ein Lied führt – ins Lachen oder Weinen und baue diese Gefühle ein.“ Die Emotionen werden gleichzeitig über eine große Videoleinwand transportiert, die die Gesichter der Darsteller zeigt. „Kristallscharf, so dass sich jede kleine Regung verfolgen lässt“, sagt die Künstlerische Leiterin. So lässt sich die tiefe Verschmelzung der Akteure mit Texten und Liedern erkennen, aber auch mal Ironie und innere Abstoßung. „Das erzeigt eine unglaublich große Nähe zwischen Darstellern und Publikum. Der Zuschauer kann sozusagen in ihre Seelen und Denklandschaften blicken.“ Ganz bewusst hat Hümpel die Kamera als Stilmittel gewählt. So ist das Stück eigens für die Einbindung der Filmkameras entwickelt worden. Historische Herausforderung Die Bühne des Rokokotheaters stellt dabei eine besondere Herausforderung dar. „Unsere Bühnenbilder sind 18 Meter breit – hier haben wir eine Breite von neun Metern. Wir müssen daher mehr in die Tiefe gehen und die Kulissen staffeln“, sagt Oliver Proske. So weilte das Team im Februar vor Ort, vermaß die Gegebenheiten und prüfte, ob die Beleuchtung zum Bühnenbild passt. Auch die Positionen der Live-Kameras müssen genau festgelegt werden. „Vor dem Konzert benötigten wir zwei Tage Einrichtungszeit, damit wir auf die historischen Gegebenheiten eingehen können“, erklärt Proske. Dass sich der hohe Aufwand lohnt, zeigt der Erfolg: Mit dem Stück „Silent Songs“, das 2017 zur Uraufführung kam, ist das Ensemble in ganz Europa unterwegs und feierte im vergangenen Jahr das 20-jährige Bühnenjubiläum. „das schafft kaum jemand“, erklären die beiden Gründer stolz, deren Produktionen gefragt sind. In Brüssel wurde aufgrund der Nachfrage gar eine zweite Vorstellung angesetzt. „Wir haben ein extrem heterogenes, vielseitiges Publikums von jung bis alt, von Experten bis hin zu jungen Gästen, die noch nie in einem klassischen Konzert waren und wiederkommen“, betont Hümpel. Dabei werden die Werke Schuberts übrigens nicht „verpoppt“, sondern mit klassischen Instrumenten wiedergegeben. „Wir greifen den Seelen-Kern der Musik nicht an, aber wir umspielen ihn gern“, erklärt Hümpel.

<< Zurück zur Presseübersicht

Ticket-Benachrichtigung

Tickets für diesen Termin sind noch nicht erhältlich. Hinterlassen Sie Ihre E-Mail-Adresse, um benachrichtigt zu werden, wenn Tickets verfügbar sind.

Unbenannt-2