In die Seelen blicken

Im Opernhaus hat die Neuinszenierung von Rossinis Il Barbiere di Siviglia Premiere. Die spielzeit sprach mit der Regisseurin Nicola Hümpel über ihre Probenarbeit für die Neuproduktion von Rossinis Meisterwerk an der Staatsoper Hannover. Rossinis „Barbiere“ ist ein Repertoireklassiker, eine exzellente musikalische Komödie und völlig zu Recht ein Stück, das sich immer wieder auf den Spielplänen der Opernhäuser findet. Trotzdem gilt die Frage: Warum und vor allem wie bringt man ein Stück voller Verkleidungen, Intrigen und Briefchen heute auf die Bühne? Es gibt genügend Gründe, diesen musikalischen Stoff in die heutige Zeit zu retten, denn die Musik ist einfach mitreißend! Gemeinsam mit dem Ensemble möchte ich versuchen, aus der historischen Geschichte vom Mündel und seinem Vormund eine Lebensmatrix herauszuarbeiten, die etwas mit uns heute zu tun hat. Denn wenn wir Bilder sehen, die uns pathetisch distanziert oder affektiert vorkommen, riskieren wir auch die Glaubwürdigkeit der Musik und werden über Rossinis vielschichtige Figuren nicht mehr lachen oder nachdenken können. Wir müssen versuchen, das Sujet auf unseren heutigen Humor zu übersetzen, auf unsere heutigen Gesellschafts-Sarkasmen und Zynismen zu beziehen. Das hat mich schon immer an Rossini interessiert, auch an der „Petite Messe solennelle“, wo sich das Heilige und das Groteske, das Absurde und subtil Verrückte abwechseln und mischen. In einem Moment bläst einen die Musik weg und reißt einen in völlig andere Sphären. Im nächsten Moment aber macht sich Rossini selbst darüber lustig. Was er eben noch voller Ernst etabliert hat, kommentiert er im nächsten Moment mit einem Schalk im Nacken. Diese Sprünge, die liebe ich an Rossini, weil wir diese Sprünge auch im Leben haben. Wenn wir durch die Stadt gehen, oder den Alltagswahn um uns haben, der von allen Seiten auf uns einhämmert, dann ist das zum Beispiel so ähnlich wie im ersten Finale des „Barbiere“, wenn das ganze Ensemble vor Intrigen und Anschuldigungen fast verrückt zu werden scheint. Ein wichtiges Thema im „Barbiere“ ist, dass jede der Figuren auf ihren Vorteil bedacht ist. Ob es die Liebe ist, ob es das Geld ist, ob es die Kontakte sind, die man spielen lässt, um zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Position zu sein. Jede Figur im „Barbiere" sieht zu, wie sie sich positioniert, um das zu bekommen, was ihr wichtig scheint. Alle scheinen auf ihre Weise berechnend. Figaro tut dies sehr offensichtlich, er sagt auch ganz klar: Das Geld riecht gut und das Leben schmeckt gut, wenn man Geld hat. Er überlegt, wann er sich Freunde machen muss und wann er sich dicker aufblasen muss, als er sich eigentlich fühlt, um das zu erreichen, was ihm wichtig ist. Dieses Phänomen von Egozentrik und Geltungssucht ist in unserer heutigen Gesellschaft hochaktuell, und gilt wahrscheinlich auch für fast jede andere Epoche der westlichen Welt. Was möchten Sie mit den Figuren aus Rossinis „Barbiere“ zeigen? Warum haben Sie dafür als zentrales Medium das Video gewählt? Was mich wirklich interessiert, sind diese Widersprüche im Gesicht, wie bei einem Kind, bei dem ein lachendes und ein weinendes Auge nahe bei- einander liegen. So ist die Musik häufig auch komponiert, im Humor lauert schon der Abgrund, Liebe und Schmerz oder das Lachen und Weinen liegen nah beieinander. Die Musik und ihre Feinheiten auf ihre Essenz zu untersuchen und zu erforschen, das reizt mich wahnsinnig. Über die Kamera kann man sehr viel feine Mimik der Sängerinnen und Sänger sehen und den Menschen förmlich in die Seele blicken – deren persönliche, intime Rezeption und Auseinandersetzung mit dem Stoff und der Komposition erkennbar machen. Die Art und Weise, wie wir Video einsetzen, ist besonders. Wir übertragen nicht einfach das Geschehen, sondern filmen und inszenieren Bild für Bild, arbeiten bewusst mit dem Blick in die Kamera, der sich dann an das Publikum adressiert, sodass ein Sog entsteht. Dabei setzen wir ganz konkrete Schnitte live auf der Bühne in jedem aktuellen Moment. So werden die Sängerinnen und Sänger transparenter und zeigen, welche Persönlichkeit sich hinter der Figur verbirgt. Mit „Nico and the Navigators“ leiten Sie seit über 20 Jahren eine eigene Kompanie in Berlin, mit der Sie über lange Phasen hin Stücke entwickelt und viel mit szenischer Improvisation gearbeitet haben. Wie gestaltet sich die Arbeit mit dem Ensemble an einem Staatstheater, das ganz andere Probenvoraussetzungen gewohnt ist? Was sicher für die Sängerinnen und Sänger in unserem Probenprozess eine Herausforderung darstellt, ist die Tatsache, dass sie voll mit eingebunden werden und ihre eigenen Interpretationen als Darstellerinnen und Darsteller gefragt sind. Zudem muss man sich sehr an den Umgang und die Spielweise mit den Kameras gewöhnen. All das, was wir später in der fertigen Inszenierung auf der Bühne sehen werden, sind dann auch Szenen, die ausdrücklich im Dialog mit den Akteurinnen und Akteuren entstanden sind. Das ist der Punkt, in dem meine Arbeit „navigatorisch“ ist. Ich arbeite gerne so, dass im Ausprobieren und Erkunden der Musik gemeinsam die Auseinandersetzung stattfindet, warum eine Szene funktioniert und warum nicht. Natürlich muss ich am Ende die Verantwortung übernehmen für die Entscheidungen, die getroffen werden. Aber es gibt sowohl in meiner Kompanie „Nico and the Navigators“ als auch bei den Ensemblemitgliedern am Staatstheater immer eine Mitautorenschaft einer jeden einzelnen Sängerin und eines jeden einzelnen Sängers. Anders als mit den Navigatorinnen und Navigatoren meiner Kompanie muss ich die Sängerinnen und Sänger, mit denen ich hier zum ersten Mal arbeite, kennenlernen und erfahren, was sie von sich selbst aus mitbringen. Das gelingt im Übrigen sehr schnell über die Arbeit im Probenraum. Denn in dem Moment, in dem ich jemanden sehe oder mit ihm oder ihr darüber spreche, wie eine Arie gelesen, empfunden und gesungen wird, lernt man ganz schnell Interesse und Haltung zu einer Figur, einem Stoff kennen. Und zum Glück ist das gesamte Ensemble sehr aufgeschlossen und offen für diese Arbeit. Ich freue mich sehr auf die Premiere!

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