Ins Absurde kippender Humor

Nico and the Navigators untersuchen zu ihrem 20-jährigen Bühnen-Jubiläum ihre eigene Zeitlosigkeitsmaschine. Allerdings stottert sie inzwischen hier und da dann doch ein bisschen. „Jetzt häufen sich die Jubiläen, und die Zahlen dabei werden größer. Was dann noch kommt, ist das Sterben“, meint Zebu Kluth, einst Kartenabreißer am Hebbeltheater und aktuell Rektor der Schauspielschule „Ernst Busch“ trocken am Rande des Jubiläumsauftritts von Nico & the Navigators zum 20. Geburtstag der Truppe in den Sophiensælen. Er lachte dabei in seinen grau schimmernden Bart. Für die Zeit dazwischen, zwischen den Jubiläumshöhen und dem Tod, bot die teils mitgealterte, teils verjüngte, auf alle Fälle internationaler gewordene Truppe dann auch die passenden szenischen Häppchen. Die waren melancholiegetränkt, befreiten sich mit kleinen Verschiebungen aber immer wieder daraus und kippten ins Absurde, ins komische, ins sich selbst Befragende. Sie bekamen gerade noch so die Kurve vor dem Landen im Seichten. Herausragend in den Disziplinen des Kippens waren die Urnavigatoren Patric Schott und Martin Clausen. Schott verwandelte seine Coverversion des Rhythm&Blues-Klassikers „Twist’n’Shout“ in eine schräge Klage darüber, in 19 Jahren Nico-Produktionen nur ganze acht Sätze auf der Bühne gesprochen zu haben. Das „Shouten“ war ihm erlaubt, in mehreren Produktionen, das „Twisten“ ebenfalls, häufiger sogar nackt, wie er im längsten Monolog, den er jemals auf einer Nico-Bühne hielt, erzählte. Clausen, Schotts kongenialer - und gern redender - Partner im absurden Fach, hatte sich hingegen die Dekonstruktion der Nico-Methode als Thema ausgewählt. Er zitierte ein paar Regeln aus der frühen Zeit - und demonstrierte sie auch gleich. Den Kopf starr halten beim Abbiegen war eine. Mit dem Gesicht wie ein beleidigter Maulwurf gucken, Arm- und Schulterbereich in eine kampfbereite Pose bringen, die Beine hingegen entscheidungsschlaff baumeln lassen war eine andere. Körperschnitt-Techniken, die lachen und staunen ließen. Clausen führte ein in die Humorwerkstatt der Navigatoren – ein Merkmal von Klasse, dass selbst dieses Making-of noch komische Momente in sich barg. Dass die anderen Performer für diesen Erinnerungsabend mit Vorliebe in ihren privaten Biografien stöberten, verblüffte jedoch. Gut, dank Annedore Kleist wurde man wieder an Zucht-und-Ordnungstendenzen in deutschen Medizinerhaushalten erinnert. Die Opa- und Uropa-Geschichten des gebürtigen US-Amerikaners Ted Schmitz und des Israelis Michael Shapira brachten die Themenkomplexe Migration und Holocaust in diese Produktion mit dem schillernden Titel „Die Zukunft von gestern“. Yui Kawaguchi verknüpfte persönliche Leidensgeschichten mit der parallel stattgefunden habenden Reaktorkatastrophe von Fukushima. Das wirkte alles schnell zusammengesucht und recht wenig künstlerisch bearbeitet. Stimmungsaufheller war dann Schmitz, der preisgab, wie ihn Regisseurin Nicola Hümpel einst zum Ausprobieren einer lächerlichen Cowboystimme ermunterte. Als der gelernte Tenor diese dann einsetzte, erstand vor dem inneren Auge nicht nur der Himmel aus der Zigarettenwerbung mit der zugehörigen Prärie darunter. Es kam auch gleich noch eine Spur vom „Größer werden“ und von „First Again“ hinein. Für Subtilitäten dieser Art werden Nico und ihre Navigatoren geliebt, für die skurrile Spiegelung der Welt im Alltäglichen. Die so gewonnene Zeitlosigkeit war schon 1999, beim Einstand in den Sophiensaelen, der allergrößte Reiz. Ex-Sophiensaele-Intendantin Amelie Deuflhard erinnerte sich, wie die Foto-Probe der damals noch total unbekannten Truppe zum Ereignis wurde und die Fotografen – wo, bitte, gibt es heute noch Theaterfotografen? – ihren schreibenden Kollegen sagten: „Da müsst ihr hin, das ist etwas Besonderes.“ Und dann waren die Spalten tatsächlich gefüllt mit einem Staunen über die Leichtigkeit und Magie der Performance, über diese neue Zauberfarbe im schrill-angestrengt-politisierten Kultur-Berlin. Nico & the Navigators waren anders als der Rest. Das war der große Anfangsreiz, der sich später erschöpfte, weil nur anders, nur zeitlos-skurril sein eben auch nur in Dosierungen bekömmlich ist. „Die Zukunft von gestern“ hatte paradoxerweise zu wenig vom Nico-Style. Es war zu viel Welt in Form der privaten Biografie-Fragmente, und zu wenig Spiegelung, Brechung und Verzerrung. Und das trotz eines – wie gewohnt – bezaubernden Bühnenbilds (Oliver Proske) aus Wänden mit geschickt ausgewählten Beschichtungen, die mal spiegelten, mal transparent waren, mal mit Projektionen bespielt wurden. Da ist noch Potenzial, um die „Zukunft von gestern“ auch fit fürs Morgen zu machen.

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