Kapseln beschränken die Lebenszeit

Neun Uraufführungen gibt es bei der 14. Münchener „biennale“, dem Internationalen Festival für neues Musiktheater mit dem Thema „außer kontrolle“. Zum letzten Mal leitet Peter Ruzicka. Für Nürnberg von besonderem Interesse ist Detlev Glanert mit „Die Befristeten“. In schneller Folge waren von ihm in der Metropolregion die Oper „Das Holzschiff“, die Drei-Minuten-Stücke von Thornton Wilder und verschiedene Orchesterarbeiten uraufgeführt worden. In München zeichnet Glanert ein literarisches Gedankenspiel von Elias Canetti aus dem Jahr 1956 nach. Man stelte sich vor: Jeder bekommt bei der Geburt statt dem Namen eine Nummer und (angeblich) eine festgelegte Lebenszeit. Alle sind „Befristete“, was gut zu Ruzickas Biennale-Vorgabe passt: keine Oper über 90 Minuten. Dass im ausverkauften Cuvilliéstheater etliche mehr daraus wurden, lag am Entstehungsprozess dieses mit „Oper“ unzureichend beschriebenen Stücks: „Für ein Opernhaus ist zu wenig Gesang drin, für ein Schauspielhaus zu viel Musik“ (Glanert). Ergebnis: Musiktheater In drei Probenphasen wurde mit dem Regieteam der freien Berliner Theatergruppe „Nico and the Navigators“ unter Nicola Hümpel immer wieder verändert, verdoppelt, gekürzt. „Musiktheater“ war das Ergebnis mit Schauspielern vom Bayerischen Staatsschauspiel und einer kleinen Besetzung mit Klavier und Windmaschine, Schlagwerk, Saxophonen und wenigen Streichern. Hümpel lässt die Geschichte von Macht und Machtmissbrauch, von Zwang, der ruhigstellt und zufrieden macht, und der Revolte dagegen mit dem an deutschen Theatern unentbehrlichen Mann in Unterhose beginnen: ein alter Zausel an der Töpferscheibe, der eine dicke Venus wie die von Willendorf formt. Der entpuppt sich als Diktator, der die Lebensspannen-Kaspseln kontrolliert. Und der junge Mann in blauen Anzug ist der Revoluzzer. Er entdeckt, dass die Kalpseln leer sind und die definierte Lebensspanne ein Unterdrückungsinstrument. Die 34 Szenen zeigen wie sich das Leben (blöd wie Semmelbrösel) abspielt hinter und vor der düsteren Klappmauer und auf der ewig rotierenden Bühne des bemessenen Lebens. Richtig interessant wird es, wenn „die Mauer“ fällt., denn da wird Canettis utopisches Konstrukt mit dem konkreten „Mauerfall“ verbunden. Nach einer guten Stunde jubeln die Schauspieler auf der Bühne: „Endlich passiert mal was!“ Die frühe Faszination im beschränktem Lebenweicht der Ungewissheit zwischen 28 und 88. Aber glücklich werden die planlos in einer Nebelsuppe Dahinsiechenden nun auch nicht: Besser sind die Zeiten ohne Kapseln nicht geworden. Glanerts Musik säuselt und summt dazu, die Instrumente werden meistens solistisch geführt, jeder Ton wird auf die Goldwaage gelegt. Mit der Anti-Kapsel-Revolution legt Glanert dann aber los. Da klingt’s frisch und frech wie bei Kurt Weill aus dem Orchestergraben. Doch die Balance geht nicht zu Gunsten der Musik aus. Da werden höchstens Stimmungen vermittelt, spielt das Cello todtraurig, ein bisschen Gitarrengeklimper begleitet Erinnerungen an die kleine Schwester, die nur 12 werden durfte. Interessant sind ein paar Fußnoten: Gestern dirigierte Peter Tilling, Kapellmeister am Staatstheater, eine weitere Biennale-Uraufführung, Detlev Ganert kommt im September zu einem Henze-Symposium nach Nürnberg, Peter Ruzicka zu einem Philharmonischen Konzert in der nächsten Spielzeit. Da sind „Die Befristeten“ dann schon Operngeschichte.

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