Karussel gescheiterter Annäherung

STUTTGART. So ist das also mit dem modernen Menschen. Er will Nähe - aber bitte nicht zu viel. Sein Gegenüber soll sich öffnen - aber bitte nur ein bissehen. Vorbei die Zeiten der flammenden Liebe bis hin zur Selbstaufgabe - was nun herauskommt, wenn sich zwei begegnen, ist ein Eiertanz zwischen Anziehung und Abstoßung. Und der kleinste gemeinsame Nenner, das Einzige, was überhaupt noch stotterfrei läuft, ist die biologische Mechanik, ist der Sex. Artbur Schnitzler hat das zu Beginn des neurotischen, blutigen 20. Jahrhunderts in seinem Stück »Reigen« in ein Karussell gescheiterter Annäherungen gefasst. 1993 hat der Belgier Philippe Boesmans daraus eine Oper gemacht, aus der dieses neurotische Dilemma noch genauso funkelt wie damals im Niemandsland zwischen Fin de Siede und Moderne. Kommunikative Havarien Boesmans zerlegt dieses Panoptikum kommunikativer Havarien nicht mit dem Skalpell, er begegnet diesen ringenden, scheiternden Figuren mit mitfühlendem Blick. All das Sehnen und die Wehmut, die in der Epoche der Romantik noch hoch aufloderten, lässt er unter der Decke weiterbrodeln. Da hört man die bebenden Tremoli der Geigen, liebeshungrig wie bei Richard Strauss; man wird betört vom Farbenspiel der Klangaromen wie bei Franz Schreker. Nur bleibt das hier Wunschgebilde, das an der Realität scheitert. Die Musik rutscht immer wieder ins Ironische, mit Anklängen an Jazz, Filmmusik, Barock- oder Wagner-Parodien. Das Staatsorchester unter Sylvain Cambreling spielt das ungemein feinnervig - und berührend Anteil nehmend mit den Charakteren. Es ist ein Bäumchen-wechsle-dich-Spiel des Anbandelns, was sich da vollzieht, von der Dirne über den Soldaten, das Stubenmädchen und den jungen Herrn die soziale Leiter hinauf bis zum Gatten, dem Dichter, der Sängerin und dem Grafen, der wieder bei der Dirne strandet. Regisseurin Nicola Hümpel setzt das alles unter eine bunkerartige Betondecke, die so erdrückend ist, als würde diese Architektur allein schon all die Neurosen auslösen (Bühne: Oliver Proske). Darunter eilen Wände von rechts nach links und Möbel von links nach rechts. Eher zufällig trifft sich beides zu gesichtslos sterilen Zimmern, so austauschbar wie die Begegnungen darin. Diese inszeniert Hümpel als deutlich parodierten Slapstick der Zweisamkeit. Ihr zentraler Kunstgriff: Die Akteure werden live gefilmt und auf die Rückwand des jeweiligen Zimmers geworfen. Nur dort kommen sie sich wirklich nahe, in der Realität hingegen bleiben sie auf Distanz, oft selbst beim Sex. Auf diese Weise macht Hümpel die Gleichzeitigkeit von ersehnter Nähe und realer Distanz ganz plastisch deutlich. Die Komik darin lassen sich die Darsteller nicht entgehen. Vor allem Mattbias Klink liefert ein wahres Meisterstück ab, wenn er seinen »Dichter« als schmierigen Macho zwischen Zynismus und Liebesgier zeichnet. Aber auch Shigeo Ishino als weltmännisch abgeklärter Gatte ist famos. Oder Nachwuchs-Sängerin Kora Paveli' c vom Opernstudio als »sü.es Mädel«: fast dämonisch altklug. Von triebgesteuert bis verklemmt Daniel Kluge gibt einen eindrucksvoll triebgesteuerten Soldaten ab, Stine Marie Fischer ein Stubenmädchen, das vor der eigenen Lüsternheit erschrickt. Sebastian Kohlhepp ist ein herrlich verklemmter »junger Herr«, Lauryna Bendziunait eine Dirne zwischen handfestem Handwerk und luftigen Träumen. Rebecca von Lipinski umgibt sich als »junge Frau« mit einem Panzer der Sittsamkeit. Während Melanie Diener als »die Sängerin« die divenhafte Terrorisierung ihrer Umwelt als Kommunikationsstrategie ihrer Wahl kultiviert. Und schließlich Andre Morsch als Graf, der in seiner Melancholie und Müdigkeit vielleicht als Einziger das Dilemma an sich erkennt. Sie alle rauschen nicht nur furios spielend, sondern auch ganz herrlich singend ins Paarwerdungs-Fiasko. Ihr aller Agieren wirkt umso vergeblicher, als Hümpel ihnen in Filmsequenzen eine gelungene Paarbegegnung (Julia von Landsberg und Michael Shapira vom Ensemble Nico And The Navigators) wie eine Utopie gegenüberstellt. Hinten sieht man, wie es sein könnte, vorne, wie es ist. Die Differenz ist Komik, Tragik, Absurdität in einem. Und gerade deshalb so anrührend. Denn ein bisschen steckt ja doch jeder in unserer neurotischen Epoche in diesem Eiertanz von Nähe und Distanz. (GEA)

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