Madame La Mort kennt kein Pardon

Ein Abschied mit Pauken und Trompeten: Peter Ruzicka verlässt die Münchner Biennale für Neues Musiktheater und hinterlässt ein gut bestelltes Feld. Der Mensch, sagt Peter von Matt, gehe lieber "mit der Vergangenheit um wie ein nasser Hund mit dem Wasser im Fell". Das zuckt und wirbelt und rauscht, und trocken ist das Vieh." Also Schluss mit der Ära Peter Ruzicka, der die 14. Münchener Biennale für Neues Musiktheater nun zum letzten Mal kuratiert hat? In den mehr als fünfundzwanzig Jahren, seit Henze dieses immer noch weltweit einzigartige Festival gegründet hat, sind genug Fragen offen geblieben. In der Tat hat sich während Ruzickas Amtszeit von 1996 bis 2014 das Terrain der Musiktheaterkunst gewaltig verändert. Doch Ruzickas designierte Nachfolger, die Komponisten Daniel Ott und Manos Tsangaris, erben ein gut bestelltes Feld, ja ein neugieriges Publikum, denn München ist schließlich - allen Unkenrufen zum Trotz - auf seine ganz eigene Weise eine Stadt der Neuen Musik. Wie als Abschiedsgeschenk hat Dieter Sehnebel sein musikalisches Kammertheater "Utopien" für Ruzicka geschrieben. Sehnebel hatte einst gemeinsam mit John Cage und Mauricio Kagel die Klangmittel, Bewegungs-, Raum- und Gesangskünste des Musiktheaters entscheidend verändert, ein Paradigmenwechsel im Musiktheater des 20. Jahrhunderts, aus dem Komponisten auf der Suche nach neuen Formen jenseits der Oper noch heute schöpfen. "Utopien" gehört nun in den Kreis der offen konzipierten szenischen Kompositionen Sehnebels, die bevorzugt im leeren Raum des Theaters spielen. Das ist ihr Platz, den so mancher Regisseur fürchtet, wenn er die Bilder verliert. Nicht so Matthias Rebstock (Inszenierung) und die fabelhaften Neuen Vocalsolitsten Stuttgart, die Sehnebels paulinischen "Utopien" Glaube, Hoffnung, Liebe in der Muffathalle zu Texten von Rene Descartes, Thomas Morus, Sebastian Braut, Octavio Paz und Joseph Conrad zur Seite standen. Und sie taten dies mit einer Leichtigkeit der Selbstverständlichkeit, die selbst Theaterprofis verblüffte. Gut gelaunt, inspiriert von Sehnebels Blick auf die irdischen Begleiterscheinungen aller Utopien, auf das Verrückte und Beschädigte, das Unfertige, das Scheiternde, marschieren die Sängerinnen und Sänger um das Viereck eines hängenden Pavillons mit weißen Vorhängen. Sie schlurfen, stolpern, stürmen los, erst im Gänsemarsch, dann in Formationen zunehmender Orientierungslosigkeit, bis sie nur knapp einer Kollision mit Dissonanzen und knallenden Trommeln entgehen. Zwei Musiker, ein Traumtrommler und ein Akkordeonspieler, drehen sich Rücken an Rücken im Kreis, umgeben von einfachen melodischen Mustern und surrenden Saiten. Keiner weiß, wohin das führen soll. Am wenigsten der Philosoph (Descartes), dessen rationale Glaubenszweifel, vorgetragen vom Bassisten und Kopf der Stuttgarter Truppe (Andreas Fischer), in Beschimpfungen gegen Gott münden. Und bald verwandelt sich der von Hoffnung umwehte Pavillon in ein Schiff mit zerzausten Segeln. Wie Matrosen auf stürmischer See klammern sich die Stuttgarter an den Stoff, schwanken und schaukeln kopfüber und singen, mit letzter Kraft in den Seilen hängend, das Lied vom Narren aus Sebastian Brants "Narrenschiff". "Mit seltsam kreisenden, spätmittelalterlichen Fauxpas entlehnten Gesängen verdrehen sie die stofflichen Reste ihrer zerstörten Hoffnungen zu langen Würsten, legen sich zur Liebesnacht nieder; begleitet von der Musik eines radikal zerbrochenen Tristan-Akkords. Und so geht die Reise weiter und weiter, fließend gegossen in das Gegenspiel von Sehnebels instrumentaler Klangpoesie und bewegten Stimmkörpern, schwankend zwischen Hoffnung und Resignation, bezaubernd, betörend.

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